**SPEAKER_1** (0:01)
SRF-Audio Ja, es ist ein großer Betreuer für uns, für die philippinischen Menschen.
**Jenny Smahippos** (0:09)
Das ist ein grosser Verrat an uns. Ein Verrat am philippinischen Volk.
**Martin Aldrovandi** (0:14)
Sagt diese Unterstützerin von Ex-Präsident Rodrigo Duterte. Sie hat Tränen in den Augen. Der frühere Präsident sitzt nämlich in einer Zelle in Den Haag. Dort ist er angeklagt wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Dahin geschickt hat ihn sein Nachfolger Marcos Junior. Ja, der Marcos, Sohn des ehemaligen Diktators Ferdinand Marcos.
Die Dutertes und die Marcos, das sind Politdynastien, die zwischendurch sogar gemeinsame Sachen gemacht haben. Doch inzwischen sind die beiden Clans verfeindet. Gekämpft wird mit harten Bandagen. Das ist die Geschichte von den zwei einflussreichsten Familien der Philippinen. Und eine Geschichte über Intrigen, Verrat und Morddrohungen.
Auf den Philippinen ist Politik Familiensache. Das ist International. Mein Name Martin Aldrovandi.
Sie tragen rote T-Shirts. Rund drei Dutzend Anhängerinnen und Anhänger des Marcos-Lagers haben sich in der kleinen Hütte ausserhalb Manelas eingefunden. Sie rufen BBM, die Abkürzung ihres Präsidenten. BBM steht für Bongbong Marcos. Bongbong ist der Spitzname von Ferdinand Marcos Junior, Sohn von Ferdinand und Imelda Marcos.
Jethgon Saga führt die Gruppe der Marcos-Anhängerinnen und Anhänger an und bereitet sie auf den Protest vor dem Senat vor. Sie protestieren für die Amtsenthebung der Vizepräsidentin Sara Duterte. Präsident und Vizepräsidentin waren einst Verbündete. Nun sind sie erbitterte Gegner. Sara ist die Tochter von Ex-Präsident Rodrigo Duterte, der in Den Haag vor Gericht steht.
Ihre Aufgabe sei es, die Marcos-Regierung zu schützen, erklärt Jethgon Saga. Der 60-Jährige trägt ebenfalls ein rotes T-Shirt. Als Jugendlicher war Jethgon Saga aber noch ein Gegner von Marcos Vater, Ferdinand Marcos, gewesen. Jethgon Saga hat die People Power Bewegung unterstützt, die das Marcos-Regime zu Fall brachte. Eine Bewegung, die damals quer durch die Gesellschaft ging. Vor rund 40 Jahren musste die Familie Marcos per Helikopter aus dem Präsidentenpalast fliehen. Zwei Jahrzehnte Marcos-Herrschaft waren beendet.
**Antonio Contreras** (2:55)
Das war damals unsere Aufgabe. Wir wollten Marcos Senior stürzen, aber rückblickend scheint das, was danach kam, auch nicht besser.
**SPEAKER_5** (3:05)
Es gab viele Präsidenten, Ramos, Erap, Gloria Macapagal, Pinoy.
**Martin Aldrovandi** (3:12)
Gonzaga zählt auf. Präsidenten kamen und gingen. Doch keiner habe dem Land geholfen, klagt er. Alle seien korrupt gewesen.
In der Tat ist die Korruption auf den Philippinen ein grosses Problem. Auf dem Index von Transparency International belegt das Land Platz 120 und liegt damit etwa gleichauf mit Staaten wie Angola oder Togo.
**Antonio Contreras** (3:37)
Wir hatten das Gefühl, man sollte Marcos Junior eine Chance geben. Er ist ein bescheidener Präsident. Genau das, was wir brauchen.
**Martin Aldrovandi** (3:52)
2022 ist es soweit. Der Sohn des aus dem Amt gejagten Diktators ist nun selbst Präsident.
Gonzaga sieht das nicht als Widerspruch. Kritik von ihm gibt es auch nicht an der Mutter des Präsidenten, Imelda Marcos. Im Gegenteil.
**Antonio Contreras** (4:15)
Meine Güte, die Schönheit der First Lady war wirklich bemerkenswert. Sie brauchte kein Make-up. Sie war von Natur aus wunderschön.
Selbst Präsidenten anderer Länder waren von ihrer Schönheit fasziniert.
**Martin Aldrovandi** (4:29)
Später, belächelt für ihre unzähligen Schuhe, führte Imelda Marcos als Präsidentengattin ein Jet-Set-Leben, posierte auf Frontseiten von People-Magazinen, die Familie bunkerte Milliarden gestohlener Gelder im Ausland, ein grosser Teil davon in der Schweiz. Währenddessen wurden Kritiker unter dem Regime zu Hause verschleppt, gefoltert, ermordet.
Und das alles interessiert die Leute heute nicht mehr.
**SPEAKER_5** (4:55)
In Politik haben die Menschen sehr kurze Erinnerungen. Sie konnten sich wieder zur Macht zurückziehen.
**Martin Aldrovandi** (5:01)
Die Menschen hätten eben ein sehr kurzes politisches Gedächtnis, sagt Antonio Contreras. Der Politikwissenschaftler beschäftigt sich unter anderem mit Familiendynastien auf den Philippinen.
Dazu kommt, dass viele Menschen während der Zeit des Marcos-Regimes noch nicht geboren waren. Die Philippinen haben eine junge Bevölkerung und eine komplizierte Vergangenheit. Auf über 300 Jahre spanische Kolonie folgten mehrere Jahrzehnte US-Herrschaft.
**Antonio Contreras** (5:34)
Erst mit der Kolonialisierung wurden die Philippinen zu einem Land mit einem gemeinsamen Bewusstsein. Erst durch die anderen, also die Europäer, wurden wir zu einem Staat.
Vielleicht fehlt uns deshalb die Erinnerung.
**Martin Aldrovandi** (5:51)
Die Menschen auf den Philippinen schauten lieber in die Zukunft, sagt Contreras, und nicht in die Vergangenheit. Die Rückkehr der Marcos an die Spitze hat aber nicht nur mit Geschichtsvergessenheit zu tun, sondern auch damit, dass die Marcos kurzfristig mit einer anderen mächtigen Familie zusammenspanden, den Dutertes.
Genauer gesagt mit Sara Duterte. Sara Duterte kandidierte als Vizepräsidentin, Marcos Junior als Präsident. Als Uniteam gewannen die beiden grossen Politclines 2022 gemeinsam die Wahlen.
**Antonio Contreras** (6:29)
Es war nicht besonders klug von den Dutertes. Die Marcos wissen eben, wie man dieses Spiel spielt.
Sara Duterte wurde überlistet, als sie beschloss, für das Amt der Vizepräsidentin zu kandidieren. Hätte sie für das Präsidentenamt kandidiert, wäre sie jetzt womöglich Präsidentin.
**Martin Aldrovandi** (6:49)
Marcos wollte Sara Duterte später loswerden, so der Vorwurf. Inzwischen läuft bereits ein zweites Amtsenthebungsverfahren gegen sie. Sara Duterte werden Korruption und Machtmissbrauch vorgeworfen.
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