Topics: Science
**SPEAKER_1** (0:02)
ARD Sounds, Das Wissen.
**Moritz Behrendt** (0:07)
Für die 16-jährige Nun ist alles im Alltag schwer geworden. Ihr Vater schiebt sie im Rollstuhl über die staubigen Straßen der Nilinsel Tutti. Die liegt zwischen den sudanesischen Städten Khartoum und Omdurman, genau dort, wo blauer und weißer Nil zusammenfließen.
Nun benötigt bei jeder Aktivität Hilfe von ihren Eltern, von Freundinnen, von ihren jüngeren Brüdern.
**SPEAKER_3** (0:30)
Nach dem Aufwachen bringen sie mich zum Waschen ins Bad. Sie tragen mich, wenn es nötig ist. Und sie bringen mich auch mit dem Rollstuhl aus dem Haus.
**Moritz Behrendt** (0:40)
Das Mädchen ist am Bein, an der Hüfte und an der Hand verletzt. Die Folge eines verhängnisvollen Tages vor zwei Jahren. Gemeinsam mit ihrer Schwester Nadra wollte sie ein paar Besorgungen machen, fünf G-Minuten von ihrem Zuhause entfernt.
**Moritz Behrendt** (0:52)
Krieg im Sudan. Wie die Menschen dem Terror trotzen.
Von ARD-Korrespondent Moritz Behrendt.
**SPEAKER_3** (1:02)
Wir liefen die Straße entlang. Ich sah nichts kommen. Ich sagte zu meiner Schwester, lass uns einen anderen Weg nehmen. Die Hauptstraße ist gefährlich. Sie sagte, das liegt in Gottes Hand. Sie hatte den Satz noch nicht zu Ende gesprochen, da fielen Schüsse.
Ich wusste danach nicht mehr, was mit ihr war. Ich fiel hin und wurde ohnmächtig.
**Moritz Behrendt** (1:23)
Nun und ihre zwei Jahre ältere Schwester gerieten ins Kreuzfeuer. Auf der Nilinsel Tutti, wie in vielen anderen Stadtvierteln in der Hauptstadtregion, lieferten sich die Regierungsarmee und die paramilitärischen Rapid Support Forces erbitterte Straßenkämpfe. Von Kugeln durchsiebte Häuserwände zeugen davon, dass Scharfschützen zwar scharf schossen, aber nicht genau zielten.
Nuns Vater Omar steht vor dem kleinen Geschäft, zu dem seine Töchter vor zwei Jahren gehen wollten.
**SPEAKER_5** (1:52)
Hier waren Kämpfer der RSF Miliz stationiert, erzählt er.
**Moritz Behrendt** (1:56)
Auf der anderen Seite war die Armee postiert.
**SPEAKER_5** (1:59)
Es stand auch ein Militärfahrzeug dort. Es gab sicher Ziele für einen Beschuss, aber wir Zivilisten sind die Leidtragende.
**Moritz Behrendt** (2:07)
Während nun schwer verletzt wurde, traf es ihre Schwester noch schlimmer. Sie wurde durch den Beschuss der Regierungstruppen am Kopf getroffen.
**SPEAKER_5** (2:16)
Wir fuhren zum Krankenhaus, aber sie starb auf dem Weg. Sie hatte schwere Verletzungen und verlor viel Blut.
**Moritz Behrendt** (2:25)
Von einem Krankenhaus fuhr Vater Omar zum nächsten.
**SPEAKER_5** (2:30)
Dort fand ich nun. Sie bekam gerade einen Gips. Am nächsten Tag habe ich meine eine Tochter begraben. Dann verbrachte ich 6 Monate im Krankenhaus mit der anderen.
**Moritz Behrendt** (2:41)
Fast jede Familie im Sudan hat Angehörige verloren oder muss sich um Verletzte kümmern. Tod und Leid sind seit mehr als drei Jahren Normalität in dem nordostafrikanischen Land. Im April 2023 eskalierte der Machtkampf zwischen zwei Generälen zum Offenen Krieg.
Jahrelang hatten der Chef der Armee und der Anführer der paramilitärischen RSF-Militzen gemeinsame Sache gemacht. Nun stellten sie sich gegeneinander. Abdel Fattah al-Bohan und Mohamed Daghlo, der meist Hemeti genannt wird.
**Roman Deckert** (3:09)
Der Krieg wird oft als Bürgerkrieg bezeichnet, aber für mich ist es eigentlich irreführend, weil es ist ein Krieg dieser beiden militärischen Lager gegeneinander und gegen die Zivilbevölkerung und nicht zwischen den Bürgern und Bürgerinnen untereinander.
**Moritz Behrendt** (3:23)
Roman Deckert befasst sich seit fast drei Jahrzehnten mit dem Sudan, arbeitet für die Berliner Nichtregierungsorganisation Media in Cooperation and Transition.
Bereits seit der Unabhängigkeit im Jahr 1956 sei der Sudan stark militarisiert worden, sagt er. Die Armee wurde hochgerüstet, verschiedenste Milizen mit Waffen ausgestattet. Mit der Folge, dass Kriegsführung im Land heute einer der wichtigsten Wirtschaftszweige ist.
**Roman Deckert** (3:47)
Für viele, gerade junge Männer, ist das Kriegshandwerk die einzige Chance, um Lebensunterhalt zu gestreiten.
**Moritz Behrendt** (3:54)
Nach mehr als drei Jahren Krieg gehen die Vereinten Nationen aktuell von mindestens 150 Toten aus. Vermutlich sind es deutlich mehr, alle Opferzahlen sind Schätzungen. Am schlimmsten wütet der Krieg in Gegenden, die von der Hauptstadt Khartoum weit entfernt liegen.
Rücksicht auf Zivilisten nimmt keine der beiden großen Kriegsparteien. Flüchtlingslager werden beschossen, immer wieder gibt es Berichte über Vergewaltigungen oder Massaker an den Bewohnern von Dörfern und Städten.
**Roman Deckert** (4:20)
Kriegsverbrechen sind absolut Teil der Normalität an der Tagesordnung und mittlerweile auch sehr gut dokumentiert. Einfach dadurch, dass beide Seiten keine Scheu haben, ihre Kriegsverbrechen sozusagen auf TikTok und Instagram zu posten.
**Moritz Behrendt** (4:35)
Deckard spricht von beide Seiten, macht jedoch auch deutlich, dass es eine Seite gibt, der die schlimmsten Verbrechen zulasst gelegt werden.
**Roman Deckert** (4:41)
Alle Beobachterinnen sind sich darüber einig, dass die RSF-Militzen sehr viel stärkere Kriegsverbrechen begehen, also bis hin zu Völkermord, eben im Fall von El-Fascha oder auch vorher El-Geneina.
**Moritz Behrendt** (4:56)
Die Gräueltaten von El-Fascha waren der Tiefpunkt dieses Krieges. Die RSF-Militzen kesselten die Hauptstadt des Bundesstaates Norddafur mehr als ein Jahr lang ein, hungerten die Bevölkerung aus, bevor sie im Oktober 2025 in die Stadt einmarschierten.
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