**SPEAKER_2** (0:02)
ARD, Sounds, Das Wissen.
**SPEAKER_3** (0:08)
Wenn es um Kompromisse geht, dann gibt es in der Regel zwei Seiten. Die einen sehen ihn als Verlustgeschäft für alle Beteiligten.
**Stefan Proch** (0:16)
Dass es zwar eine kurzfristige Einigung gibt, aber keiner ist wirklich zufrieden.
**Veronique Zanetti** (0:21)
Wenn ein Kompromiss die beste Lösung wäre, dann wäre das die beste Lösung und dann wäre das kein Kompromiss.
**SPEAKER_3** (0:27)
Für die anderen ist es der diplomatische Königsweg. Die goldene Mitte.
**Friederike von Tiedemann** (0:31)
Ich hab immer wieder festgestellt, dass plötzlich Lösungen möglich sind, die beide sich vorher überhaupt nicht haben vorstellen können.
**Veronique Zanetti** (0:39)
Und dabei muss man schon sich klar machen, dass Kompromisse eine Tugend sein können. Gerade weil sie auch die Bereitschaft zeigen, dass man über seinen Schatten springen kann.
**SPEAKER_3** (0:52)
Können beide Seiten Recht haben? Oder liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen?
**SPEAKER_6** (0:59)
Kompromisse, goldener Mittelweg oder faule Zugeständnis von Marisa Gierlinger.
**SPEAKER_3** (1:07)
Ob man sie nun als faul oder tugendhaft betrachtet, so wirklich gerne macht niemand Kompromisse. Und trotzdem müssen wir das ständig. In der Partnerschaft, im Beruf oder in der Politik. Überall da, wo unterschiedliche Menschen und Meinungen aufeinandertreffen.
Warum uns das oft so schwer fällt, welche Rolle Fairness dabei spielt und wann wir auch mit uns selbst Kompromisse machen müssen? Darum geht es in dieser Folge von Das Wissen.
**Jared** (1:37)
Hi, ich bin Jared. Willkommen, schön, dass du da bist.
**SPEAKER_3** (1:40)
Zu Besuch bei einer WG im Münchner Osten. Jared ist einer von sieben, die hier zusammen wohnen.
**Jared** (1:46)
Das ist tatsächlich nur ein Raum. Also wir haben hier quasi unsere Küche, die auch gleichzeitig so unser...
**SPEAKER_3** (1:53)
Ein heller, großzügiger Raum mit großem Esstisch in der Mitte.
**Jared** (1:56)
Das ist so der einzige Raum, wo wir außerhalb unserer Zimmer sein können.
**SPEAKER_3** (2:01)
Und alles ist auffällig blitzblank.
**Jared** (2:03)
Ja, ich glaube, das ist schon so ein Ding bei uns, dass wir, dadurch, dass wir halt zu sieb Tier wohnen, schon ein bisschen mehr drauf achten, dass es ordentlich ist.
**SPEAKER_3** (2:12)
Die Konstellation der Gruppe hilft. Alle, die hier wohnen, sind in ihren Zwanzigern. Fast alle arbeiten und haben einen ähnlich strukturierten Alltag. Und es gibt bestimmte Vereinbarungen, an die sich alle halten. Mehr dazu später.
Zusammenleben unter einem Dach, das erfordert Kompromissbereitschaft. Aber was heißt das überhaupt?
**Friederike von Tiedemann** (2:35)
Ich würde sagen, es ist eine Beziehungskompetenz, so wie wir auch andere Beziehungskompetenzen brauchen, um in dauerhaften Beziehungen gut sein zu können. Weil wir sind ja immer Unterschieden ausgesetzt.
**SPEAKER_3** (2:46)
Sagt die Psychologin und Psychotherapeutin Friederike von Tiedemann.
**Friederike von Tiedemann** (2:50)
Der andere ist anders als ich. Hinter uns liegt eine unterschiedliche Geschichte. Wir sehen die Welt unterschiedlich, sodass jede Partnerschaft eigentlich immer so was wie eine bikulturelle Begegnung ist. Und wir mit diesen Unterschieden zurechtkommen müssen.
Und in dem Sinne zurechtkommen heißt, dass wir letztlich immer ein sowohl als auch finden müssen, einen Kompromiss.
**SPEAKER_3** (3:12)
Sie sieht das vor allem bei Paarbeziehungen. Seit über 35 Jahren berät Friederike von Tiedemann Paare.
Immer wieder geht es dabei auch um Kompromisse.
**Friederike von Tiedemann** (3:22)
Es ist ein Verzicht. Also wenn ich in Partnerschaften bin, verzichte ich auf die vollumfängliche Möglichkeit, alles immer ausleben zu können, wie ich es möchte.
**SPEAKER_3** (3:31)
Kompromisse entstehen nicht von alleine. Paare handeln sie aus.
Wie sieht das konkret aus? Unterschiedlich, sagt Friederike von Tiedemann.
**Friederike von Tiedemann** (3:41)
Ich stelle mir die folgende Situation vor. Ein Paar hat Urlaubspläne und die eine sagt, ich möchte ans Meer und der andere sagt, ich möchte in die Berge.
Und jetzt gibt es eigentlich drei Kompromissstrategien, mit denen die diese Situation lösen können. Die erste wäre, sprechen wir mal von A, möchte in die Berge. Das er sagt, okay, ich schließe mich dir B vollkommen an. Ich lasse meine Berge traumlos und ich bin ganz bei dir. Und beim nächsten Urlaub kommt B und sagt, als Ausgleich, und das ist auch ein Kompromiss über die Zeit, gehe ich ganz mit dir ans Meer. Also das wäre eine Möglichkeit. Die zweite, das mit dem in der Mitte treffen, das geht hier vielleicht, wenn man an die Seealpen fährt, wo Meer und Berge zusammenstoßen oder Corsica oder so. Und die dritte Lösung wäre, wir gehen weder ans Meer noch in die Berge. Wir machen eine Wüstenwanderung. Also wir machen etwas Drittes, was für uns beide inspirierend ist.
**SPEAKER_3** (4:40)
Drei Arten von Kompromissen. So unterscheidet es auch die Kompromissforschung. Der hat sich eine andere Friederike verschrieben, mit der wir für diese Folge sprechen.
Friederike Spang vom Zentrum für Umwelt- und Technologieethik in Prag.
**Friederike Spang** (4:55)
Der Hauptunterschied ist quasi in der Art der Zugeständnisse, die man macht.
Der erste, wir können ihn ein Verknüpfungskompromiss nennen, auf Englisch, also in der Fachliteratur wird es Conjunction Compromise genannt. Und das ist eigentlich ein sehr häufiges Szenario für ein Kompromiss, weil hier ist sozusagen die Ausgangslage, dass es gar keine Überschneidungen gibt in den verschiedenen Positionen, dass sie wirklich komplett konträr sind.
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