**Manuel Schmid** (0:00)
Wir sind mit dem Podcast Mindmaps vor kurzem in eine neue Reihe gestartet. Peter und ich analysieren aktuelle Bücher, wir kritisieren sie, sezieren sie, werten sie aus für unsere Gegenwart und mit einem besonders theologischen Interesse. Wir haben aber versprochen, dass wir unsere alte philosophiegeschichtliche Reihe nicht abbrechen lassen und wir liefern auch. Hier kommt eine weitere Folge in dieser philosophiegeschichtlichen Reihe. Und ich will die Gelegenheit wahrnehmen, euch auf den zweiten Band der philosophiegeschichtlichen Einführung für Theologinnen und Theologen hinzuweisen, die Heinzpeter Hempelmann aus dem Podcast Mindmaps oder auf der Grundlage seiner Folgen entwickelt hat. Eine hervorragende Gelegenheit, die Inhalte dieses Podcasts zu vertiefen und noch einmal einzutauchen in die Wurzeln unseres Denkens. Also herzliche Einladung, das Buch zu besorgen. Ich verlinke es in den Show Notes. Und jetzt viel Spass mit dieser Folge von Mindmaps.
Herzlich willkommen zu einer weiteren Folge von Mindmaps. Wir sind zurück. Hallo Peter. Wir haben uns in der letzten Folge bei unserem Neueinsatz nach einer längeren Pause in unserer philosophiegeschichtlichen Reihe mit Søren Kierkegaard auseinandergesetzt und sind eingestiegen mit der engen Verquickung von Biografie und Philosophie, von Leben und Denken. Du hast entfaltet, wie fundamental dieser Zusammenhang Søren Kierkegaard war, dass er eine Philosophie gar nicht denken konnte und nicht denken wollte, die nicht aus einer auch existenziellen Betroffenheit heraus wächst und dass er von dieser Warte aus dann auch sehr fundamentale Kritik an den grossen philosophischen Ansätzen seiner Zeit geübt hat, besonders an den deutschen Idealisten, an Hegel, auch an Schelling und Kant. Das haben wir uns letztes Mal angesehen, inklusive einiger Einblicke auch in Kierkegaards eigenes Leben und seine Biografie, weil eben sein Leben, seine Biografie essentiell wichtig ist, um auch sein Werk überhaupt zu verstehen, weil bei ihm eigentlich diese enge Verschränkung auch exemplarisch wird von Existenz, von auch von Einbrüchen des Tragischen in seinem Leben und dann dem, was in seinem Werk daraus wird, dem, wie er darüber nachdenkt oder welche Einsichten sich ihm dann erschliessen aufgrund seiner Erfahrung. Und was mir jetzt so im Nachhall unseres letzten Gesprächs einfach noch mal sehr deutlich wurde, ist, wie modern Kierkegaard eigentlich klingt. Oder wie modern seine Grundüberzeugungen daherkommen. Also dieses Bewusstsein, dass etwas mich auch persönlich betreffen muss. Dass die individuelle Erfahrung auch ganz entscheidend ist. Das ist ja ein Stück weit mit verbaut in dem modernen und auch spätmodernen Selbstverständnis und Empfinden. Also wir kommen da gerade so aus den jüngeren Generationen in den letzten Jahren dieser Spruch in den Sinn, ich fühle das nicht oder fühlst du das? Wenn man etwas fühlt, dann ist es irgendwie, dann hat es den Ring of Truth, dann hat es quasi, dann hat es die Chance wahr zu sein, wenn ich das nicht fühle, dann bin ich irgendwie da nicht mit dabei.
Dann ist es für mich nicht bedeutsam, nicht relevant. Wir können im Verlauf des Gesprächs vielleicht auch noch darauf zurückkommen, wo man dann auch im Namen von Kierkegaard vielleicht Einspruch erheben müsste gegen eine sehr individualistische Erfahrungsphilosophie oder gegen eine sehr subjektivistische Erfahrungsphilosophie. Aber ich glaube, es führt nichts daran vorbei, anzuerkennen, dass bei Kierkegaard ganz entscheidende Weichen gestellt werden, die auch die Moderne dann mitbestimmen. Und vielleicht könntest du diese Folge starten und ein paar– man kann das nicht erschöpfend machen, weil es so aus so vielfältig ist– aber ein paar Linien nachzeichnen, auf denen Kierkegaard nachgewirkt hat, teilweise bis in unsere Zeit hinein.
**Heinzpeter Hempelmann** (5:21)
Ja, sehr gerne. Ich will nochmal an den Anfang des zurück, was du sagtest, noch ein bisschen mehr auf den Punkt bringen und scharf machen. Es geht nicht nur um eine Betroffenheit von Wahrheit. Es geht auch nicht nur um eine Interdependenz von Leben und Wirken bzw. Denken. Das wird jeder vernünftige Mensch zugeben, sondern sein Leben gebiert sein Werk. Auf den Punkt würde ich es bringen. Es gibt keine relevante Wahrheit jenseits dessen, also für mich jenseits dessen, was ich mit meinem Leben verantworten kann. Bei Lichte besehen, also diese Aussage ist natürlich, hat eine offene Flanke im Hinblick auf das, was man postmoderne Beliebigkeit nennt. Das werden wir noch klären. Aber wenn man es in einer bestimmten Weise versteht, ist es eigentlich nur ein Gebot des gesunden Menschenverstandes. Warum sollte ich irgendetwas als Wahrheit akzeptieren, was überhaupt keine Relevanz für mich hat? Also wo ich nicht merke, dass mich das tatsächlich betrifft, das ist ganz konkrete Bedeutung für mein Leben.
Damit bin ich bei dem letzten Punkt, den du gesetzt hast, Kierkegaard als absolut moderner Denker, als jemand, der im Grunde das moderne Denken, die Konzentration auf den Menschen inauguriert.
Natürlich hat er dabei christlich-jüdische Wurzeln, denn das Selbst, das wir in der Moderne denken, lässt sich ja philosophisch vernünftig nur begründen durch eine Instanz, die mir erlaubt, von mir selbst als etwas Wertvollem und Wichtigem zu denken. Was wir da an Konzepten sonst noch finden, ist ja im Grunde säkularisiertes Judentum oder Christentum. Aber diese Konzentration darauf, dass ich mich selbst ernst nehmen darf, wie ist eben, dass ich meine Erfahrung ernst nehmen kann, dass ich von mir aus über diese Welt nachdenke. Heidegger, Existenzanalyse. Dass es eine Rolle spielt, wie ich mich fühle. Das sind eben Dinge, die verdanken wir ganz wesentlich Søren Kierkegaard und in einer gewissen Weise dann auch Friedrich Nietzsche. Aber Kierkegaard ist der Existenzanalytiker gewesen. Also in dieser Weise kann Nietzsche ihm an der Stelle, auch wenn er einer der beiden anderen, einer der Begründer der modernen Lebensphilosophie ist, kann Nietzsche Kierkegaard an der Stelle nicht das Wasser reichen. Also insofern muss man sagen, ja, Kierkegaard ist der moderne Denker schlechthin. Weit mehr als kann zum Beispiel, der ja den wesentlichen philosophischen Ausgangspunkt doch nur in einer sehr begrenzten Anthropologie eben in der Autonomie des sich selbst verantwortenden Könnens des Menschen gefunden hat. Also da geht ja Kierkegaard in der Weite des Existenzbegriffs weit darüber hinaus. Also ich sage jetzt mal sehr summarisch, wo ich wesentliche Einflusspunkte finde, das ist auf der einen Seite, auch jenseits des Bereichs der Philosophie, den können wir bei Kierkegaard wenigstens mal kurz berühren, nämlich in der Literaturtheorie und auch in der Kommunikationstheorie. Da leistet er Wesentliches. Dann natürlich in der Existenzphilosophie den Namen Heidegger, da wäre einiges zu zu sagen, der französische Existenzialismus als eine Variante dessen, was wir in einem sehr weiten Sinne Existenzphilosophie nennen. Dann der Bereich der Theologie, die dialektische Theologie, Karl Barth, Rudolf Bultmann, lassen sich ohne Kierkegaard nicht denken. Und nicht zuletzt muss man natürlich sagen, er ist eben auch ein bedeutender Kirchenkritiker. Also vieles von dem, was wir heute an relevanter Kritik an den beiden großen Konfessionen finden. Wenn wir da aus den entsprechenden Schriften zitieren, dann kennen wir mal nicht auf die Idee, dass das 150 Jahre alt ist oder 100 Jahre alt ist.
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