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Kierkegaard (Teil 1): Philosophie mit offenen Wunden

Mindmaps: der Philosophiepodcast (RefLab)

June 14, 2026

Endlich: Søren Kierkegaard! Peter und Manuel stellen ihn als Denker vor, bei dem Leben und Werk kaum voneinander zu trennen sind.
Speakers: Manuel Schmid, Heinzpeter Hempelmann
**Manuel Schmid** (0:00)
Wir sind mit dem Podcast Mindmaps vor kurzem in eine neue Reihe gestartet. Peter und ich analysieren aktuelle Bücher. Wir kritisieren sie, setzieren sie, werten sie aus für unsere Gegenwart und mit einem besonders theologischen Interesse. Wir haben aber versprochen, dass wir unsere alte philosophiegeschichtliche Reihe nicht abbrechen lassen. Und wir liefern auch, hier kommt eine weitere Folge in dieser philosophiegeschichtlichen Reihe. Und ich will die Gelegenheit wahrnehmen, euch auf den zweiten Band der philosophiegeschichtlichen Einführung für Theologinnen und Theologen hinzuweisen, die Heinzpeter Hempelmann aus dem Podcast Mindmaps oder auf der Grundlage seiner Folgen entwickelt hat, eine hervorragende Gelegenheit, die Inhalte dieses Podcasts zu vertiefen und noch einmal einzutauchen in die Wurzeln unseres Denkens, also herzliche Einladung, das Buch zu besorgen. Ich verlinke es in den Show Notes. Und jetzt viel Spass mit dieser Folge von Mindmaps.

**Heinzpeter Hempelmann** (1:17)
Mindmaps, der Philosophiepodcast RefLab.

**Manuel Schmid** (1:31)
Wir sind wieder da, herzlich willkommen zu einer weiteren Folge von Mindmaps. Hallo Peter. Hallo Manuel. Ich habe das Vorrecht mit dir schon. Es sind schon etwa vier Jahre, in denen wir regelmässig den Podcast Mindmaps bespielen und durch die Philosophiegeschichte hindurch diskutieren, angefangen bei den Vorsokratikern und dann durch die ganze Geschichte des westlichen Denkens mindestens.
Und wir sind so in der Neuzeit angekommen.

**Heinzpeter Hempelmann** (2:07)
Ein bisschen weiter.

**Manuel Schmid** (2:08)
Ein bisschen weiter, genau. Aber noch nicht ganz in der Gegenwart. Also es wartet noch einiges auf uns. Und manche von euch Zuhörenden haben sich schon Sorgen gemacht, weil ich glaube, etwa ein Jahr lang keine Folge mehr in dieser philosophiegeschichtlichen Reihe erschienen ist. Jetzt geht es wieder los.
Und gerade mit einem sehr, sehr spannenden Denker, der dich auch einmal mehr fasziniert hat. Du hast mir immer mal wieder geschrieben, ach, da ist so viel zu holen. Wir kriegen das nicht in eine Folge und so. Und ich habe gemerkt, da hast du richtig angebissen.

**Heinzpeter Hempelmann** (2:45)
Ja.

**Manuel Schmid** (2:45)
Bevor du jetzt da ausführst, ich möchte kurz eine eine Hinführung oder mit einem mit einem Gedanken einleiten. Und zwar aus meinem Theologiestudium. Da haben ja auch so ein bisschen schnell bleiche Philosophiegeschichte gehabt. Und da wurde immer wieder empfohlen, ein kleines Büchlein von Wilhelm Weischedl mit dem Titel Die philosophische Hintertreppe. Und verschiedene Leute haben mir das empfohlen, so als erster Einstieg in die wichtigsten Denker und Denkerinnen unserer Zeit oder der Vergangenheit. Es ist ein Büchlein, das ganz programmatisch jetzt nicht über den grossen Haupteingang der Systeme, Begriffe, Schulstreitigkeiten, über solche Konzepte und Begriffe den Zugang sucht, sondern quasi eben die Hintertreppe über Lebensgeschichten, über Eigenheiten der Personen selber, über Brüche im Leben der Denkerinnen und Denker, über ihre Leidenschaften und auch Anekdoten erzählt usw. Dahinter ist ja diese Intuition mit verbaut. Philosophie wird von Menschen gedacht, auch wenn es Systeme und Konzepte und Begriffe und so sind. Es sind Systeme, Konzepte, Begriffe von Menschen, die in bestimmten Zeiten gelebt haben, die Biografien mitbringen, Kränkungen, Hoffnungen, Krankheiten, religiöse Prägungen, politische Erfahrungen, Liebesgeschichten, Enttäuschungen, Entscheidungen getroffen haben usw.
Und Wilhelm Weischedl versucht eben, den Zugang zu verschiedenen Philosophinnen und Philosophen aufzuschliessen über ihr Leben. Und das ist mir beim Lesen auch deines Skripts und deiner Vorbereitungen ist mir das so entgegengekommen oder in den Sinn gekommen, weil der Philosoph, über den wir heute sprechen, vielleicht diesen Zusammenhang, diese Verschachtelung oder auch dieses untrennbare Ineinander von Denken und Leben, von Theorie und Biografie stärker gemacht hat als kaum jemand anderes. Und das war für ihn auch ein integraler Bestandteil seines Denkens oder sogar der Entdeckungszusammenhang von Philosophie überhaupt.
Ich wollte dir damit eigentlich auch den Ball zu spielen, mal einzuführen, stimmigerweise in die Biografie dieses Denkers und dann auch zu zeigen, worin der Zusammenhang von von Philosophie und Biografie oder Existenzerfahrung bei ihm spezifisch liegt.

**Heinzpeter Hempelmann** (5:51)
Da hast du einen sehr interessanten und relevanten Einstich jetzt gewählt, wenn man dieses Büchlein von Wilhelm Weisschedl liest, was wir ja unseren Hörern und Seherinnen und Sehern nur empfehlen können.
Die philosophische Hintertreppe, dann merkt man, dass dieser Zugang über die Biografie, über das Leben, über das Erlebte, das Erfahrene mehr oder weniger aufschließende Wirkung hat.
Und im einen Fall, bei Kierkegaard, funktioniert das ganz fantastisch. Und im anderen Fall, wenn man jetzt an Immanuel Kant denkt, funktioniert es ausdrücklich weniger gut. Und das hängt eben auch mit dem Denkansatz zusammen. Also die Frage nach dem Verhältnis von Werk auf der einen Seite und Leben auf der anderen Seite ist ja schon selber wieder eine Schlüsselfrage von Philosophie.
Also, ich kann natürlich sagen, meine Existenz ist das Entscheidende.
Und was nicht durch meine Existenz hindurchgegangen ist, das hat im Grunde auch keine Bedeutung. Das ist Schall und Rauch. Das ist irgendeine Wirklichkeitslehre Theorie. Und das wäre eigentlich schon ziemlich genau der Ansatz von Kierkegaard. Oder ich kann genau das entgegengesetzte Konzept verfolgen, wie wir es zum Beispiel bei Immanuel Kant im Detail ja nachbuchstabiert haben. Kant, der sagt, ich will die reine Vernunft. Ich will die gereinigte Vernunft. Ich will die Vernunft, die eben nicht durch individuelle, existenzielle Erfahrungen und so weiter und so weiter geprägt ist, sondern die eben die allgemeine, abstrakte Vernunft ist, aus der ich dann im Grunde die Wahrheit für das Individuum regelrecht ableiten kann. Ja, normologisch. Und Kierkegaard ist nun genau der Gegentyp. Übrigens ähnlich wie Hamann. Hamanns Kritik an Kierkegaard, an Kant hat sich ganz ähnlich vollzogen. Mit dem berühmten Satz, den wir ja auch immer wieder zitiert haben, die Vernunft aus Königsberg. Das heißt, du hast im Grunde keine Ahnung, du bist aus diesem Ort kaum herausgekommen und das, was du schwätzt, hat, ja, das lebt ja geradezu von der Illusion, dass du dich von deiner Existenz, wenn es so heißt, befreien kannst. Und Kierkegaard sagt genau das Gegenteil, beziehungsweise, nein, er sagt es nicht, nur er lebt es. Wenn wir auf Kierkegaard schauen, dann nehmen wir dort eine Interdependenz von Werk und Biografie, von Leben und Denken wahr, wie wir das bei einem, kaum einem anderen Denker in der abendländischen Philosophiegeschichte sehen. Jetzt im ostasiatischen Bereich wäre es hochinteressant, sich das mal parallel anzuschauen, aber das ist ja jetzt hier und heute nicht unser Thema. Das, was wir bei Kierkegaard sehen, das ist gleichzeitig dann eben auch die Quintessenz seiner, seines philosophischen Denkens. Also die These wäre, ihm das wäre zu bewähren an seinem Leben, dass das Leben Medium seiner Philosophie ist, dass sein Denken im Grunde aus seiner Biografie herauswächst und dass Kierkegaard keine Philosophie will, kein Denken will, dass nicht, ich benutze jetzt bewusst diesen modernen Ausdruck, den er selber noch gar nicht benutzt hat, dass nicht existenziell zurückgebunden ist. Also ein Denken, das nicht durch das eigene Leben, durch die eigene Erfahrung gedeckt ist. Wir haben dafür heute den wunderbaren Begriff des Authentischen. Ja. Das kannst du im Grunde in der Pfeife rauchen und das leuchtet auch jedermann ein. Darin ist ja auch ein Teil heutiger populärer Philosophiekritik in der säkularen Gesellschaft wie im Formenbereich letztendlich begründet, dass man sagt, was soll in all diese Theorie.

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