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IM REICH DER KÄLTE - Die Sami, Leben in acht Jahreszeiten

Alles Geschichte - Der History-Podcast

August 14, 2026

Ganz im Norden Skandinaviens ist Europas einziges indigenes Volk zu Hause: die Sami. Sie leben mit und von der arktischen Natur. Ihre jahrtausendealte Geschichte ist auch eine Geschichte der Kolonialisierung. Ein Podcast von Andreas Pehl (BR 2025)
Speakers: Andreas Pehl, Marie Beuner, Andreas Klein, Khörre Frank

Topics: History

**Andreas Pehl** (0:05)
Alles Geschichte. Der History Podcast.

**Marie Beuner** (0:22)
Es ist wichtig, dass unser Wissen, wie man mit der Natur lebt, dass dieses Wissen überlebt, denn das werden wir brauchen. Ich bin nicht sicher, dass das ganze Technologische ewig wird.

**SPEAKER_3** (0:36)
Marie Beuner ist als Sängerin auf den Bühnen der Welt zu Hause. Ihre Heimat in Norwegens nördlichstem Landesteil der Finnmark gehört zu Sapmi, dem Land der Sami.
Es erstreckt sich von der russischen Kola-Halbinsel über Finnland und Schweden bis nach Norwegen. Marie Beuner ist Sami, gehört zu Europas einzigem indigenen Volk.

**Marie Beuner** (0:59)
Wenn du mit einer Herde bist, die Rentiere mit dem stolzen Geweih ziehen siehst, erwacht der Himmel zum Leben, beginnt sich zu bewegen, geliebter Sohn des Windes.

**SPEAKER_3** (1:17)
Steile Berge, tiefe Fjorde, weite Tundra mit verkrüppelten Birken, darüber der farbenreiche Himmel des Nordens und eine Rentierherde. Fast ikonisch steht das Rentier für die samische Kultur.
Die Monate heißen Mjesse-Manu, Kälber-Monat, Borge-Manu, Fellwechsel-Monat oder Golgott-Manu, Monat des erschöpften Bockes, erzählt Henrik Göyp aus Trumse, dessen Rentiere im Sommer in den Lingen-Alpen, im Winter in Keitokano in der inneren Finnmark stehen. Das Jahr ist in acht Jahreszeiten unterteilt, die mit dem Zyklus der arktischen Natur verbunden sind. Frühlingswinter, Frühling, Frühlingssommer, Sommer, Herbstsommer, Herbst, Herbstwinter und Winter.

**Andreas Klein** (2:15)
Der westliche Tankegang, das muss ich immer arbeiten.

**SPEAKER_3** (2:17)
Henrik Göyp ist in zwei Welten zu Hause. Als Rentierbesitzer in der samischen Kultur, als städtischer Verwaltungsangestellter in der westlichen Welt. Job, Arbeit, das sei ein westlicher Gedankengang, der alles gerne in Schubladen sortiert, meinte er. Natürlich sei das mit den Rentieren Arbeit, aber nicht so wie der Westenarbeit definiert. Es sei ein Lebensstil, Teil der Identität.
Zwar leben und lebten nur rund 10% der Sami, oder auch Samen genannt, hauptberuflich von der Rentierwirtschaft. Trotzdem haben rund zwei Drittel im Nebenerwerb oder in der Freizeit mit den Tieren zu tun. Henrigs Brüder, die zu den 10% gehören, sagen, wir arbeiten nicht. Henrik, der arbeitet. Der arbeitet im Büro.
Die meisten Sami heute wohnen in Städten, haben gewöhnliche Berufe und pflegen ihre Kultur zwischen Mitternachtssonne und Nordlicht, samischer Tradition und einem Leben als Teil der westlichen Welt. Henrik Goib meint, hier passiert eine Kollision zwischen der westlichen und der samischen Art zu denken. Das führe natürlich auch weit über die Familie hinaus zu Konflikten.
Man muss sich anpassen an den westlichen Gedankengang, an die westliche Art Dinge zu tun. Davon ist Henrik Goib überzeugt, der Betriebswissenschaft studiert hat und sich trotzdem in einem Spagat zwischen den Kulturen immer wieder fragt, was ist eigentlich lohnend? Sein nebenberuflicher Umgang mit den Rentieren jedenfalls nicht. Wer im Urlaub in den hohen Norden fährt, trifft auf Sami in rotblauen fremdartigen Trachten, die Rentierfälle, Geweihe und mehr oder weniger traditionelles Handwerk verkaufen. Der Rentiersame wird umfassend und sehr erfolgreich touristisch vermarktet.

**Andreas Klein** (4:21)
Ich denke, dass die Samen doch recht häufig als die nicht europäischen Europäer wahrgenommen wurden.
Das heißt, dass man die gerne in Zusammenhang gebracht hat mit auseuropäischen Völkern. Also immer auf so eine exotisierende Art.

**SPEAKER_3** (4:38)
Andreas Klein ist Bibliothekar an der Universitätsbibliothek in Trumse und hat sich mit dem Blick von außen auf die Sami beschäftigt.

**Andreas Klein** (4:47)
Es gibt doch auch immer so diese romantisierenden Vorstellungen.
Das wird ja auch gerne vermittelt von der Tourismusindustrie. Bei dem Stichwort Samen denkt man ja in der Regel sofort an Rentiere.

**SPEAKER_3** (4:59)
Das Rentier und die Sami. Vielleicht hängt dieses Bild auch damit zusammen, dass die Menschen hier im Norden schon immer auch mit und von Rentieren gelebt haben.
Die Tiere liefern Fleisch, Milch, Fell und Leder. Knochen und Horn für Werkzeuge und Kultgegenstände. Sie sind Zugtiere und Weggefährten in der Wildnis.

**Andreas Pehl** (5:23)
Am Ende der Eiszeit, als das Eis sich zurückgezogen hat, sind die Rentiere hinterhergezogen. Und die Menschen sind ihnen gefolgt.

**SPEAKER_3** (5:32)
Rüne Nurmann ist Archäologe. Er arbeitet im Museum in Alta, 200 Kilometer unter dem Nordkap. Die Felsritzungen von Alta, die UNESCO-Welterbe sind, zeigen rund 6 Figuren, davon 1.5 Rentiere. Szenen aus dem Leben der Menschen vor etwa 7 Jahren.
Die Darstellungen zeigen weit mehr als nur Rentier- oder Bärenjagden und Fischfang.

**Andreas Pehl** (5:59)
Die zahmen Rentiere wandern im Laufe eines Jahres von der Küste ins Inland und zurück.
Die Menschen ziehen hinterher. Das ist eine ganz natürliche Wanderung.

**SPEAKER_3** (6:09)
Rüne Nurmann betont, dass es keine durchgehende Linie aus der Steinzeit zur samischen Kultur heute gibt.

**Andreas Pehl** (6:19)
Man muss hier von den Rentieren leben, wenn man ein Naturvolk ist.
Das bedeutet nicht, dass es samisch ist oder norwegisch. Das bedeutet nur, dass die Menschen von der gleichen Natur gelebt haben.

**SPEAKER_3** (6:34)
Ab wann lässt sich eine samische Kultur erkennen?
Erste archäologische Belege sind sogenannte Geröllgräber, erzählt Björnar Julius Ullsen. Er ist Professor für samische Archäologie an der Universität in Trumse.

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