**Grit Strassenberger** (0:01)
SRF Audio Arendt war eine humorvolle Person, auch eine witzige Person, auch manchmal bitter-böse in ihren Urteilen. Hannah Arendt würde sagen, Donald Trump ist sozusagen ein Lügner. Sie sagt, wir haben vergessen, dass Politik mit Freiheit zu tun hat.
**Olivia Röllin** (0:29)
Denken ohne Geländer, das war ihre Devise. Hannah Arendts Schriften lesen sich wie eine Chronik der Abgründe des 20 Jahrhunderts und zugleich wie Kommentare zu den Krisen unserer Zeit. Was macht Arendts Denken so aktuell? Wie hat ihr Leben, ihre Theorie geprägt? Und warum ist Freundschaft eine politische Tugend? Darüber spreche ich heute mit Grit Strassenberger, die gerade eine Biografie über diese Großdenkerin geschrieben hat. Denn heuer jährt sich ihr Todestag zum 50 Mal.
**Hannah Arendt** (0:58)
Mein Beruf, wenn man davon überhaupt sprechen kann, ist politische Theorie.
Ich fühle mich keineswegs als Philosoph. Wer halte sie für eine solche? Ja, also dagegen kann ich nichts machen.
**Grit Strassenberger** (1:15)
Sie lebte in einer Zeit, in der die Dinge keinen Sinn mehr ergaben. Wir leben in einer Zeit, in der die Dinge keinen Sinn mehr zu ergeben scheinen.
**Hannah Arendt** (1:24)
Es gibt im Englischen einen Ausdruck, stop and think. Halt an und denk nach. Verantwortungsbewusstsein kann sich nur bilden in dem Moment, wo man reflektiert, nicht über sich selbst, sondern über das, was man tut.
**Olivia Röllin** (1:41)
Reflektieren über das, was man tut. Frau Strassenberger, Sie sind Professorin für politische Theorie in Bonn. Sie sind eben auch Autorin dieser neuen Biografie über Hannah Arendt, Die Denkerin.
Hannah Arendt und ihr Jahrhundert ist der Titel. Wenn Sie Hannah Arendt jetzt einem Menschen erklären oder näher bringen müssten, der noch nie von ihr gehört hat oder nichts über sie weiß, was würden Sie sagen?
**Grit Strassenberger** (2:05)
Ich würde sagen, Hannah Arendt war die wichtigste Philosophin und politische Denkerin des 20 Jahrhunderts.
Mit ihren Schriften zu Wesen und Struktur totalitärer Herrschaft, zu der Geschichte politischer Freiheit oder auch zur Stabilität und Fragilität moderner Demokratien hat Arendt einen großen Beitrag geleistet zur Geschichte, zur Ideengeschichte des 20 Jahrhunderts. Zugleich war sie eine öffentliche Intellektuelle, die sich zu vielen Themen pointiert zu Wort gemeldet hat. Das heißt, sie hat dafür auch viel Anerkennung bekommen, aber auch sehr viel Kritik. Sie war schon zu Lebzeiten eine bekannte, berühmte, international berühmte Person, aber heutzutage ist sie so etwas wie eine Autorität im reichpolitischen Denken. Sie ist also eine prominente Person.
**Olivia Röllin** (2:56)
Das ist ja faszinierend, was Sie jetzt gerade gesagt haben. Auch diese Prominenz. Bis heute, Plätze werden auch nach ihr benannt, Straßen und so weiter. Sie hat in einer Domäne, die relativ männlich geprägt ist, man könnte sagen, als eine der wenigen, fast als einzige Frau, einen Kultstatus. Deshalb ist es dazu gekommen.
**Grit Strassenberger** (3:14)
Hannah Arendt war immer schon eine der ganz wenigen Frauen oder die einzige Frau in einem großen Kreis von Männern. Das war schon in Marburg so, als junge Studentin im Kreis ihrer männlichen Kommiliton. Das hat sich dann fortgesetzt in den USA, wo sie ja ihre politikwissenschaftliche Karriere begonnen hat. Dort war sie unter Intellektuellen nicht die einzige Frau, aber sie war die einzige Frau, die in dieser akademischen Welt so stark reüssieren konnte.
Und sie war auch fast überall die einzige Frau oder die erste Frau, die große Ehrungen erhalten hat, die an die großen Elite-Universitäten der USA eingeladen wurden. Also sie war überall die erste Frau. Und als sie danach gefragt wurde, wie das für sie war.
**Olivia Röllin** (3:59)
Wollte ich gerade sagen, ist dir das denn aufgefallen? Hat sie das nicht erstaunt?
**Grit Strassenberger** (4:03)
Ja, das hat sie erstaunt gelegentlich. Sie hat es bemerkt, sie hat es auch in Briefen hin und wieder kommentiert. Meistens so, dass sie sich lustig macht über die Eitelkeiten der Herren, der männlichen Kollegen. Aber es hat für sie keine Rolle gespielt. Und das hat sie sehr deutlich auch gesagt. Also sie hat einfach gemacht, was sie wollte. Und dass sie jetzt eine Frau war, spielte für sie dann keine Rolle.
**Olivia Röllin** (4:27)
Ist eher zweitrangig dann das Geschlecht. Vielleicht kommen wir auf dieses Thema dann noch zurück. Sie haben zuvor gesagt, sie war eine politische Philosophin, glaube ich. Das ist ja interessant, weil sie selber von sich eigentlich sagte, sie sei keine Philosophin, oder darauf bestand sie. Und gleichzeitig sagt man, sie ist die wichtigste Philosophin des 20 Jahrhunderts. Das ist ja irgendwie lustig.
**Grit Strassenberger** (4:48)
Sie hätte die Bezeichnung politische Philosophin sicherlich abgelehnt. Sie war eine Philosophin von der Ausbildung, Philosophin.
**Olivia Röllin** (4:56)
Philosophie, Theologie, Griechisch.
**Grit Strassenberger** (4:58)
Genau. Sie hat auch Philosophie studiert, aus einem ganz inneren Wunsch heraus. Sie hat gesagt, Philosophie studieren, oder ich gehe ins Wasser. Mit 14 stand das schon fest, dass sie Philosophie studieren wollte. Das hat sie dann auch getan.
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