Glaube ade? Die schwindende Bedeutung von Religion artwork

Glaube ade? Die schwindende Bedeutung von Religion

Sternstunde Philosophie

July 11, 2026

Was, wenn der Gottesglaube allmählich verdunstet? Wenn die Kirchen zu Eventlokalen mutieren? Der Religionssoziologe Detlef Pollack würde dies bedauern, obwohl er selbst nicht gläubig ist. Doch warum? Was verliert eine Gesellschaft, wenn sie den Glauben verliert?
Speakers: Barbara Bleisch, Detlef Pollack, Tobias Haberl
**SPEAKER_1** (0:01)
SRF Audio.

**Barbara Bleisch** (0:12)
Jesus Influencer Boomen, der amerikanische Präsident, betet vor laufender Kamera im Oval Office und der Tech-Milliardär Peter Thiel hält in Rom Vorträge zum Antichristen. Der Gottesglaube hat scheinbar Konjunktur.
Weit gefehlt, sagt Detlef Pollack, einer der wichtigsten Religionssoziologen unserer Zeit. Der religiöse Glaube sei auf dem sicheren Weg in die Bedeutungslosigkeit. Wie geht das zusammen? Das wollen wir heute diskutieren. Ich freue mich sehr, herzlich willkommen, Detlef Pollack.

**Detlef Pollack** (0:42)
Vielen Dank für die Einladung.

**Barbara Bleisch** (0:43)
Detlef Pollack, um mal ein bisschen poetisch zu beginnen, der Schriftsteller Julian Barnes beginnt eines seiner Bücher mit dem schönen Satz, Ich glaube nicht an Gott, aber ich vermisse ihn. Können Sie da etwas dem abgewinnen?

**Detlef Pollack** (0:58)
Ich glaube, viele Menschen können dem viel abgewinnen.
In diesem Satz ist ja ausgedrückt, dass man irgendwie nicht glauben kann, aber eine Sehnsucht nach Gott hat, dass man von Gott sich etwas erwartet, Gerechtigkeit, Frieden, vielleicht eine bessere Welt. Ich kann dem Satz nicht so viel abgewinnen, also dem ersten Teil schon. Ich gehöre nicht zu den Gottesgläubigen oder zu denjenigen, die sich zu Gott bekennen. Aber ich würde sagen, der Satz hat insofern eine gewisse Wahrheit, als dass man doch irgendwie feststellen kann, wenn dieser Gottesglaube zurückgeht, dann fehlt der Gesellschaft etwas Wichtiges.

**Barbara Bleisch** (1:34)
Und darüber wollen wir eben heute genau ins Gespräch kommen. Und das ist auch einer der Gründe, warum ich Sie eingeladen habe, nicht nur, dass Sie ein sehr renommierter Religionssoziologe sind, sondern das interessiert mich auch persönlich an Ihrem Werdegang, dass Sie sagen, Sie sind nicht gläubig, aber Sie haben Theologie studiert, Sie erforschen Religion. Warum haben Sie Theologie studiert, zumal Sie in der DDR aufgewachsen sind, wo das jetzt nicht eben ein Spaziergang ist, stelle ich mir vor.

**Detlef Pollack** (1:58)
Das ist eben der Grund. Ich wollte in der DDR eigentlich Philosophie studieren oder Literaturwissenschaft, aber diese ganzen Disziplinen waren in meinen Augen ideologisch verstellt.
Also ideologisch besetzt. Und ich habe nach einer Alternative gesucht und war eigentlich mit dem Theologiestudium nicht so glücklich, weil ich eben nicht geglaubt habe. Ich bin gross geworden in einer nicht-christlichen Familie, aber dann in einem Chor gewesen, der stark christlich geprägt war.

**Barbara Bleisch** (2:25)
Das müssten wir kurz sagen, nicht einfach ein Chor, sondern Sie waren im Tomaner Chor in Leipzig, eine 800-jährige Chortradition. Und da sind Sie so richtig imprägniert worden mit Kirchenmusik und auch Kirchenbesuchen, denke ich.

**Detlef Pollack** (2:37)
Ja, das kann man sagen. Wir haben jede Woche zwei, drei Mal in der Kirche gesungen. Und eigentlich die ganzen Tomaner rings um mich herum, die waren eigentlich christlich geprägt. Das waren viele Pfarrersöhne, Kantorensöhne. Und das war in dieser atheistisch geprägten Gesellschaft eine Insel. Dort war es schwierig, nicht Christ zu sein.
Und ich habe tunlichst verminen, mich dort zu outen. Ich bin in den Christenlehreunterricht gegangen und habe auch da alles mitgemacht. Und das hat mich sehr stark geprägt. Also die Musik hat mich geprägt, die Texte, die Bach-Passionen, das hat mich auch sehr stark berührt. Das ist nicht spurlos an mir vorbeigegangen.
Aber obwohl ich in dieser Zeit, da war ich 13, 14, ganz viel darüber nachgedacht habe, ob man nicht irgendwie doch zum Glauben kommen könnte, ich konnte über diesen Graben nicht springen. Das war für mich weit weg.

**Barbara Bleisch** (3:30)
Und ich glaube, jetzt haben wir alle Themen auch schon auf dem Tisch. Man kann sich sehr hingezogen fühlen zur Kirche, ohne zu glauben. Man kann gläubig sein und nicht Mitglied einer Kirche sein. Also zwischen Glaube und Religiosität gibt es ja auch vielleicht sogar eine Spannung. Aber beginnen wir doch einmal mit der Religiosität. Sie erforschen, wie ich das schon gesagt habe, beruflich sozusagen als Wissenschaftler die Religion am Zentrum für Religion und Moderne an der Universität Münster. Und unter anderem geben Sie dieses Buch immer wieder heraus. Es ist jetzt eine neue Auflage erschienen, Religion in der Moderne. Und da tragen Sie Daten aus der ganzen Welt zusammen. Und Sie sagen, diese Daten sprechen eine ganz klare Sprache. Religion ist weltweit im Sinkflug begriffen.

**Detlef Pollack** (4:12)
Ja, das ist jetzt die dritte Aufsage von diesem Buch. Und es wird immer dicker.

**Barbara Bleisch** (4:15)
Das sieht man hier.

**Detlef Pollack** (4:16)
Ja, genau.
In der ersten Auflage hatte es schon 500 Seiten gehabt. Und dann haben wir also versucht, weitere Daten zu ergänzen. Und man muss sagen, es ist bekannt, in Westeuropa geht die Bedeutung von Religion und Kirche zurück. Aber eben nicht nur in Westeuropa, sondern auch in Staaten, in Gesellschaften, in Kulturen, wo man eigentlich davon ausgehen könnte, dass Religion eine Zentralstellung einnimmt. Wegen mir die USA oft das Gegenbeispiel für die sogenannte Säkularisierungstheorie. Auch dort haben wir es mit Säkularisierungsprozessen zu tun. Ziemlich dramatisch. Also inzwischen sind es dort ungefähr 30 Prozent, die sagen, sie haben keine Religion, no religion. Das war vor 20, 30 Jahren ganz anders, da waren das 4, 5, 6 Prozent. Das ist also sehr stark nach oben gegangen. Auch der Gottesdienstbesuch hat sich stark abgeschwächt.

44 more minutes of transcript below

Feed this to your agent

Try it now — copy, paste, done:

curl -H "x-api-key: pt_demo" \
  https://spoken.md/transcripts/1000651996090

Works with Claude, ChatGPT, Cursor, and any agent that makes HTTP calls.

From $0.10 per transcript. No subscription. Credits never expire.

Using your own key:

curl -H "x-api-key: YOUR_KEY" \
  https://spoken.md/transcripts/1000776359348