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GESCHMACK DER HERRSCHAFT - Als Silphium verschwunden ist

Alles Geschichte - Der History-Podcast

August 23, 2026

Die Pflanze Silphium war eine der köstlichsten Sensationen der Antike. Silphium war sogar eine begehrte Kriegsbeute. Die teuersten Rezepte der Antike konnte man nur mit dieser Luxuspflanze zubereiten - und war damit ein Statussymbol für die Reichsten. Eines Tages war Silphium spurlos verschwunden.
Speakers: Philip Montasser, Sally Granger

Topics: History

**Philip Montasser** (0:05)
Alles Geschichte. Der History-Podcast.

**Philip Montasser** (0:16)
Rom 49 vor Christus. Bürgerkrieg liegt in der Luft. Julius Caesar kehrt von jahrelangen Eroberungskämpfen aus Gallien zurück. Er gilt als lebende Legende.
In Rom aber erwartet ihn statt eines Triumphzuges ein Prozess. Der Senat will Caesar für frühere Rechtsbrüche vor Gericht stellen und fordert ihn auf, die Befehlsgewalt über seine Truppen aufzugeben. Für Caesar keine Option. Er will seine politische Karriere fortsetzen und seine Macht weiter ausbauen.
Der geschasste Feldherr trifft eine folgenschwere Entscheidung. Er überquert mit zehn Legionen den Grenzfluss Rubikon. Sein trockener Kommentar dazu.

**Philip Montasser** (1:00)
Der Würfel ist gefallen.

**Philip Montasser** (1:07)
Überstürzt fliehen seine politischen Rivalen aus der Stadt. Rom ist Caesar schutzlos ausgeliefert. Der weiß seine Chance zu nutzen und plündert kurzerhand die Staatskasse, um damit seinen Krieg zu finanzieren. Dabei erbeutet er nicht nur Gold, Silber und Bronze, sondern auch einen Vorrat an Pflanzensaft, das heiß begehrte Harz der Pflanze Silphium.
1500 römische Pfund davon. Umgerechnet ins metrische System fast eine halbe Tonne. Ihr Wert? Dasselbe in Silber denaren.
Und so spielt auch diese kostbare Substanz ihre Rolle beim Untergang der Römischen Republik. 100 Jahre später ist auch das Silphium untergegangen.

**Philip Montasser** (1:54)
Der Würfel ist gefallen.

**Philip Montasser** (1:58)
Es ist das erste dokumentierte Aussterben einer Spezies. Das Verschwinden der mysteriösen Heil- und Gewürzpflanze Silphium rund 50 Jahre nach Christi Geburt.
Ein schwarzer Stiel, goldene Blätter und, der wertvollste Bestandteil, ein milchiges Harz. So beschreibt sie Plinius der Ältere im 1 Jahrhundert nach Christus in seiner 37-bändigen Naturgeschichte. Richtig angewendet soll das Herz eine Vielzahl unterschiedlichster Beschwerden lindern und Krankheiten heilen. Warzen und Kropf, Schlangenbisse und Krebs, Blähungen und Zahnschmerzen. Es wird für Abtreibungen und als Verhütungsmittel eingesetzt, aber auch als Aphrodisiakum. Sein betörendes Aroma entfaltet sich nicht nur als Parfum, sondern außerdem als Gewürz. Sein Geschmack ist wohl einfach nur himmlisch.
Plinius findet große Worte für das Wunderkraut.

**Philip Montasser** (3:01)
Es ist eines der wertvollsten Geschenke, das uns die Natur gemacht hat.

**Philip Montasser** (3:07)
Silphium ist eine Rarität. Es wächst nur an einem schmalen Küstenstreifen in der Nähe von Kyrene, einer griechischen Kolonie in Nordafrika, heute Teil von Libyen. Versuche, das Kraut anderswo zu kultivieren, scheitern. Und so verhelfen Silphium-Exporte Kyrene zu wirtschaftlicher Blüte. Machen sie eine Zeit lang zur reichsten Stadt Afrikas. Kyrene lässt sogar Münzen mit Abbildungen des kostbaren Wunderkrauts prägen.
Doch die rücksichtslose Ausbeutung der begrenzten Bestände bleibt nicht folgenlos. Plinius wird die Pflanze, von der er schwärmt, selbst nie sehen. Nie von ihr Kosten und ihrer heilsame Wirkung nie am eigenen Leib erfahren.
Seine Informationen zum Silphium stammen allesamt aus zweiter Hand.

**Philip Montasser** (3:56)
Der Gelehrte klagt, während unserer Generation ist nur ein einziger Stängel davon gefunden worden, der Kaiser Nero überbracht wurde. Das Silphium von Kyrene ist ausgestorben.

**Philip Montasser** (4:11)
Und tatsächlich, bis heute haben Archäologen kein einziges Gramm Silphium gefunden. Die Pflanze ist ausgestorben. Oder genauer, der Mensch hat sie ausgerottet.
Fast 2000 Jahre nach Plinius Zeugnis ist die verschollene Wunderpflanze weitgehend vergessen. Seit Jahrhunderten rätselt die Forschung über die Identität der Pflanze und über ihr plötzliches Verschwinden. Für die britische Ernährungshistorikerin Sally Granger nimmt Silphium eine einzigartige Stellung innerhalb ihrer Forschungsdisziplin ein.

**Sally Granger** (4:49)
Der heilige Gral in der Geschichte der Esskultur.
Silphium wurde zu Mysterium, weil es nicht mehr verfügbar war. Es ist in diesem Fall sehr schwer, Fakten und Fiktion zu trennen. Denn für die Römer ist Silphium von Anfang an ein Mythos. Die magischen Eigenschaften wurden schon vor seinem Verschwinden mythologisiert.

**Philip Montasser** (5:13)
Zu diesen magischen Eigenschaften zählt auch der unwiderstehliche Geschmack des Wunderkrauts. Bei den Griechen werden auch Blätter und Stiel gekocht oder geröstet verzehrt, bei den Römern nur noch der milchige Saft, der an Einschnitten der Wurzel austritt. Dieses Harz ist besonders aromatisch. Die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten in der Küche finden sich in einem Buch, das ähnlich mysteriös ist wie das Silphium. Apicius, benannt nach einem bekannten Gourmet. Im römischen Reich wird aus dem Namen auch eine Bezeichnung für Foodies.
Apicius ist das älteste erhaltene Kochbuch überhaupt. Ein organisch gewachsenes Konvolut von Rezepten aus mehreren Jahrhunderten, gesammelt und aufgeschrieben von Sklavenköchen.
In der Antike dürften hunderte, wenn nicht gar tausende Exemplare des Buchs zirkuliert sein. Heute existieren noch zwei Abschriften. Die ältere von beiden befindet sich seit 1929 in der New York Academy of Medicine. Dass sie überhaupt noch existiert, ist eigentlich ein Wunder. Ein Wunder, das im Land von Appleboy, Frankfurter grüner Soße und Handkäs mit Musik seinen Anfang nimmt. In Hessen.
Das Benediktinerkloster in Fulda. Hier wird vor über 1000 Jahren Kulinarikgeschichte geschrieben. Buchstäblich. Damals ist die Abtei eine der wenigen Enklaven des Wissens in einer Welt, in der die meisten Menschen an Alphabeten sind.
Die Klosterbibliothek mit rund 2000 Handschriften gilt als die wichtigste im Karolinger Reich. Jedes Buch ist ungeheuer wertvoll, denn es muss mühsam von Hand geschrieben werden. Eine dieser Handschriften? Der Apikius. Dass die Möncher auch ein Kochbuch kopieren, liegt aber wohl eher nicht an ihrer Begeisterung für gutes Essen.

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