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GESCHMACK DER HERRSCHAFT - Als die Kalorie erfunden wurde

Alles Geschichte - Der History-Podcast

August 23, 2026

Arme Menschen sind selbst schuld, wenn sie hungern! Sie müssen nur richtig essen. Mit dieser Überzeugung führen Wissenschaftler im 19. Jahrhundert eine Maßeinheit für Ernährung ein: die Kalorie. Seitdem dient sie immer wieder auch als Antwort auf politische Probleme: Krieg, Krankheiten, Klima.
Speakers: Stefan Foag, Ralf Komtes, Karin Schumacher, Nina Mackert, Thomas Skurk, Peter Weiß, Bernhard Wätzel

Topics: History

**Stefan Foag** (0:05)
Alles Geschichte.

**SPEAKER_2** (0:08)
Der History-Podcast.

**Ralf Komtes** (0:18)
Schon drei Tage lebt er in einer Kabine mit zweieinhalb Quadratmetern. Ein Mann tritt auf einem Fahrradergometer. Neben ihm Klappstuhl, Tisch und Feldbett. Außerhalb Schläuche, Kabel, große Kessel, Ventilatoren.
Die Kabine steht in einem Labor. Essen bekommt der Mann nur über eine Luke. Und das nach genauen Vorgaben.

**Karin Schumacher** (0:43)
Zum Frühstück. 20 Gramm gebratene Schinken.
55 Gramm gekochte Eier. 20 Gramm Butter. 20 Gramm Brot. Etwa 300 Gramm Kaffee.

**Ralf Komtes** (0:54)
Der Amerikaner Wilbur Atwater leitet das Experiment. Er arbeitet in Middletown, 160 Kilometer von New York entfernt, und hat in dieser Woche, im Jahr 1897, eine Testperson in die Kammer geschickt, für vier Tage. Wilbur Atwater lässt ihn 8 Stunden pro Tag strampeln.
Lässt ihn in der Kabine schlafen. Wiegt ihn, misst regelmäßig die Temperatur in der Kammer. Der Versuchsaufbau ist ein sogenannter Kalorimeter.

**Nina Mackert** (1:27)
Der Kalorimeter war dazu gedacht, zu untersuchen, wie viel Wärme bei verschiedensten Tätigkeiten entsteht der Testperson. Und das dann in Bezug zu setzen zum Energiegehalt von Nahrung, der mit Kalorien gemessen wurde.

**Ralf Komtes** (1:43)
Sagt die Historikerin Nina Mackert, die sich mit der Geschichte der Kalorie beschäftigt hat.
Die Maßeinheit gibt an, wie viel Energie nötig ist, um ein Gramm Wasser um ein Grad Celsius zu erhitzen. Eingeführt haben sie Physiker. Wilbur Adwater ist Ende des 19 Jahrhunderts einer der ersten, der Kalorien auf die menschliche Ernährung anwendet. Er will wissen, wie viel Essen man für eine bestimmte Arbeit braucht.

**Nina Mackert** (2:14)
Er klassifizierte die Arbeit in unterschiedlich schwere Arbeit und versuchte da Standards zu etablieren, wie viele Kalorien Menschen bei unterschiedlich schweren Tätigkeiten benötigen.

**Ralf Komtes** (2:28)
Wilbur Adwater verbrennt kleine Mengen Lebensmittel und misst, wie viel Energie nötig ist, bis sie vollständig zu Asche verwandelt sind. Das gibt er in Kalorie bzw. Kilokalorie an.
So weiß er genau, wie viel Energie er seinen Probanden mit dem Essen verabreicht. Er lässt sie Gewichte stemmen, misst aber auch geistige Tätigkeiten wie Lesen.
Ein Ergebnis. Wer sich nicht bewegt, braucht etwa 1400 Kilokalorien weniger, als eine Person, die Sport macht. Wilbur Adwater führt etliche solcher Experimente durch.

**Karin Schumacher** (3:08)
Schon lange glaubt er, es ist unbestreitbar wahr, dass viel Geld für den Kauf von Lebensmitteln verschwendet wird.

**Ralf Komtes** (3:16)
Wer hungert, ist also selbst schuld, behauptet Wilbur Adwater. Das ist Ende des 19 Jahrhunderts die Antwort auf die vielleicht drängendste Frage dieser Zeit.
Die Arbeitsbevölkerung leidet unter langen Arbeitszeiten, mangelndem Wohnraum, niedrigen Löhnen. Es bilden sich Arbeiterbewegungen, Streiks, Proteste, Straßenkämpfe folgen. Nina Mackert.

**Nina Mackert** (3:41)
Viele Menschen haben sich gefragt, ob nicht angesichts der schärfer werdenden sozialen Widersprüche eine andere Zukunft notwendig sei, eine nicht kapitalistische Zukunft. Das heißt, es waren Arbeitsunruhen und Arbeitskämpfe mit großem sozialen Sprengstoff.

**Ralf Komtes** (3:58)
Und da kommt Wilbur Adwaters Blick auf die Ernährung gelegen. Zusammen mit Unternehmern und anderen Forschenden will er die Lage der Arbeiterklasse verbessern, ohne die Systemfrage zu stellen.
Mithilfe der Kalorie.

**Nina Mackert** (4:13)
Die Kalorie transportiert das Versprechen, eine wissenschaftlich objektive, genauestens messbare Lösung für gesellschaftliche Probleme zu liefern. Sie ist wissenschaftlich autorisiert, aber sie ist ebenso politisch.

**Ralf Komtes** (4:31)
Wilbur Atwater wird vom US-amerikanischen Landwirtschaftsministerium beauftragt, zu erforschen, wie sich die Menschen ernähren. Nach damaligem Forschungsstand legt er fest, ein Mann, der sich sehr viel bewegt, braucht maximal 3500 Kilokalorien am Tag. Andere deutlich weniger.
Mit diesem Wissen lässt er in den armen Vierteln von New York forschen.
Im April 1895 sind die Forschenden bei einem arbeitslosen Mechaniker. Er, seine Frau und ihre drei Kinder leben zusammen. Ihre Lebensmittel werden genau aufgeschrieben, nach Gramm, Nährwert und Kosten. 30 Dollar im Monat geben sie aus und verbrauchen am Tag umgerechnet 3900 Kilokalorien pro Kopf. Also zu viel.

**Karin Schumacher** (5:21)
Bei richtiger Verwendung ihres Geldes hätte die New Yorker Familie ihre Lebensmittel für 15 bis 20 Dollar statt für 30 Dollar pro Monat kaufen können, folgert Wilbur Adwater in der Studie.

**Ralf Komtes** (5:34)
Er kritisiert nicht nur, dass die Familie zu viel ist, sondern auch das Falsche.

**Karin Schumacher** (5:40)
Mehr als die Hälfte der Kosten für tierische Lebensmittel entfallen auf Rind, Kalb und Hammelfleisch und Fisch.
Die hohen Kosten für pflanzliche Lebensmittel erklären sich durch die Verwendung von teurem Fertigmehl. 5 bis 7 Cent pro Pfund. Brötchen für 5 Cent pro Pfund, während Weizenmehl 2 Cent pro Pfund kostete.

**Ralf Komtes** (6:03)
Es entstehen genaue Vorstellungen, was arme Menschen mit Blick auf ihrem Geldbeutel essen sollen, erzählt die Historikerin Nina Mackert.

**Nina Mackert** (6:12)
Salat galt als besonders ökonomisch ineffizientes Lebensmittel. Und die Arbeiterinnen wurden tatsächlich aufgefordert, kein Salat und kein grünes Gemüse zu kaufen, weil das zu teuer sei und zu wenig Kalorien liefern würde. Also Bohnen und Haferflocken waren immer so die klassischen Empfehlungen gegen Hunger und für eine hohe Kalorienzahl bei geringen Preisen.

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