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Geburtenrückgang – Gibt es bald zu wenige Menschen?

Sternstunde Philosophie

August 8, 2026

Paul Morland ist einer der einflussreichsten Demografen weltweit. Und er hat eine alarmierende Nachricht: Nicht mehr die Bevölkerungsexplosion ist die grosse Gefahr für die Welt, sondern das Gegenteil: Wir könnten bald zu wenige sein. Wie kam es dazu und was lässt sich dagegen tun?
Speakers: Barbara Bleisch, Paul Morland

Topics: Philosophy, Society & Culture

**SPEAKER_1** (0:01)
SRF-Audio.

**Barbara Bleisch** (0:16)
Herzlich willkommen bei der Sternstunde Philosophie heute zu Gast am St. Gallen-Symposium, wo wir fragen, ob die Welt mehr Kinder braucht. Denn die Gefahr der Bevölkerungsexplosion scheint nicht mehr das grosse Problem, sondern gerade umgekehrt, dass wir bald zu wenige sein könnten.
Schon ab 2080 soll die Weltbevölkerung schrumpfen. Was sind die Folgen? Und wäre es angesichts von sogenanntem Dichtestress und der Klimakrise nicht besser, es gäbe weniger Menschen auf Erden? Ich frage nach bei einem der führenden Demografen unserer Zeit, bei Paul Morland. Ganz herzlich willkommen.

**Paul Morland** (0:52)
Danke.

**Barbara Bleisch** (0:53)
Ja, Paul Morland, Sie haben ein neues Buch geschrieben, No One Left, und darin sagen Sie, der erwartete Bevölkerungsrückgang sei das grösste Problem unserer Zeit. Tatsächlich grösser als die Klimakrise, grösser als ein drohender Atomkrieg?

**Paul Morland** (1:10)
Die nukleare Bedrohung war ein grosses Thema, als ich ein Kind war. Die Gefahr lässt sich nicht ausschliessen, aber sie war während der Kuba-Krise, Jahre vor meiner Geburt wohl am grössten.
Es ist Gott sei Dank aus den verschiedensten Gründen zu keinem weiteren Atomwaffeneinsatz gekommen. Es ist ein Einmalereignis, es ist binär, es passiert oder es passiert nicht.

**SPEAKER_4** (1:29)
Passiert es, ist es eine Katastrophe.

**Paul Morland** (1:31)
Ich halte es für unwahrscheinlich, aber das ist Geostrategie.

**SPEAKER_4** (1:37)
Die Klimakrise kann bewältigt werden.

**Paul Morland** (1:39)
Bereits jetzt finden brillante junge Köpfe Lösungen dafür, wie wir die Ressourcen der Welt effizienter nutzen und gleichzeitig ein besseres Leben führen und die Natur mehr zurückgeben können.
Grossbritannien und Deutschland haben gezeigt, wie man mit weniger mehr produzieren kann. Dafür braucht es die Jugend, es erfordert Energie. Eine alternde Welt wird sich schwerer tun, einen Ausweg aus der Klimakrise und so gut wie jedem anderen Problem zu finden.

**Barbara Bleisch** (2:10)
Sie sind da sehr optimistisch, was die Lösung der Klimakrise anbelangt. Das teilen nicht alle, aber trotzdem verstehe ich ihren Punkt. Sie sagen, wenn wir keine Menschen sind, die diese Klimakrise lösen können, dann haben wir auch ein Problem. Nun gibt es natürlich diejenigen, die sagen, die Klimakrise wird noch grösser durch mehr Menschen. Auf diesen Punkt kommen wir später noch zurück.
Zuerst vielleicht ganz kurz, um das einmal zu verstehen. Das ist ja ein gigantischer Paradigmenwechsel. Ich bin noch aufgewachsen mit dieser Idee der Bevölkerungsexplosion. Es gibt dieses Titelbild von einem Buch von Paul Ehrlich, 1968, mit einer Bombe, die eben tickt, um diese drohende Explosion zu veranschaulichen. Und heute warnt man vor einer Schrumpfung. Sie sind ja selbst Demograf. Wann haben Sie diesen Paradigmenwechsel selbst vollzogen?

**Paul Morland** (2:59)
Demograf bin ich erst spät im Leben geworden. Ich habe mein Doktorat mit über 40 begonnen. Mein erstes Buch wurde kurz vor meinem 50

**SPEAKER_4** (3:06)
Geburtstag veröffentlicht.

**SPEAKER_5** (3:08)
Erst da wurde mir das bewusst.

**Paul Morland** (3:10)
Ich war Paul Ehrlich gegenüber stets skeptisch. Er ist ja vor ein paar Wochen verstorben. Ich war immer der Meinung, dass die Weltbevölkerung brillante Ideen hervorbringen kann. Mehr angesprochen hat mich Julian Simons gegenteilige Ansicht, dass die ultimative Ressource das menschliche Gehirn ist. Eine wachsende Menschheit sah ich immer positiv. Je mehr ich mich mit der Demografie beschäftigte und dies ist mein viertes Buch, desto klarer wurde mir, dass es ein Problem gab.
Seit meinem ersten Buch 2014 hat sich dieses Problem erheblich verschärft. Es gab damals noch viele Länder mit einer Geburtenrate über zwei, was ausreicht, um das Reproduktionsniveau zu sichern. Was folgte, ist erstaunlich. Man ging davon aus, dass reiche Länder eine niedrige und arme Länder eine hohe Geburtenrate haben und dass mit steigendem Wohlstand die Geburtenrate sinkt.
Heute aber haben ziemlich arme Länder wie Chile, Jamaika oder Thailand so tiefe Geburtenraten, dass die Bevölkerung bald sehr stark zurückgehen und schnell altern wird.

**Barbara Bleisch** (4:25)
Es ist ja interessant, die UNO sagt wirklich dieser Humanity Peak, also sozusagen die Spitze des Bevölkerungswachstums wird eben 2080 erreicht sein, wie ich schon gesagt habe, mit 10,4 Milliarden Menschen ungefähr.
Dann geht es nach unten, eben wegen dieser sinkenden Geburtenraten. Sie haben jetzt schon verschiedene Zahlen genannt. 2,1, die Rate von 2,1 hält eine Bevölkerung relativ stabil. Man fragt sich vielleicht, warum 2,1. Das hat damit zu tun, dass man einberechnen muss, dass eine gewisse Anzahl von Kindern stirbt vor 50 Jahren. Aber sonst würde man sagen, ein Paar muss zwei Kinder bis mehr produzieren, dass die Bevölkerung stabil bleibt. Jetzt schauen wir uns mal eine Grafik an. Sie haben ja schon ein paar Länder genannt. Wir haben hier ein Bild mitgebracht. Wir sehen in Blau alle diejenigen Ländern, wo die Bevölkerungsrate über 2,1 liegt und die Fertilitätsrate unter 2 ist in Rot eingefärbt. Besonders interessant finde ich Dunkelrot, das ist zwischen 0,6 und 1,4, eigentlich fast ganz Europa, unter anderem.
Was ist für Sie, wenn Sie jetzt darauf schauen, das Bedrohlichste oder das Interessanteste an dieser Karte?

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