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FRÜHE KULTUREN EUROPAS - Wie die Wikinger wirklich waren

Alles Geschichte - Der History-Podcast

September 4, 2026

Wikinger gelten als rauhbeinige Barbaren, die plünderten und brandschatzten, Helme mit Hörnern trugen und auf Drachenbooten über die Meere zogen. Ein Volk sind sie nie gewesen. Ihr Ende markiert aber eine Zeitenwende. Ein Podcast von Thomas Samboll (BR 2026)
Speakers: Thomas Samboll, Matthias Toplak

Topics: History

**Thomas Samboll** (0:05)
Alles Geschichte. Der History-Podcast.

**Thomas Samboll** (0:16)
Wilde, finster dreinblickende Krieger mit langen Bärten und Zöpfen, bis an die Zähne mit Äxten und Schwertern bewaffnet, auf dem Kopf einen Helm mit Hörnern und immer bereit zum Plündern, Morden und Brandschätzen. So waren sie halt, die Wikinger.
Jedenfalls, wenn man den gängigen Klischees in Film und Fernsehen glaubt.

**Matthias Toplak** (0:39)
Es ist so eine Mischung aus edlem, wildem und Badboy, der Rocker des Frühmittelalters. Sie sind alle zertuviert und laufen alle mit Oberkörper und Leder rum. Also das ist das, was wir gerade offensichtlich als Gesellschaft brauchen.

**Thomas Samboll** (0:55)
So mag es geklungen haben, vor 1000 Jahren rund um Heitabu, unweit der Schlei im heutigen Schleswig-Holstein. Raben gehörten damals zu den häufigsten Vogelarten in dieser Gegend, in der man so viel über die Wikingerzeit erfahren kann, wie an kaum einem anderen Ort.
Ausgerechnet Raben. In den altnordischen Sagas tauchten sie in Kriegen und Schlachten auf. Heerführer zeigten sie symbolisch auf ihren Bannern. Und eine große Schlacht und ein zerstörerischer Überfall waren es, die den Untergang der legendären Wikinger Handelsmetropole im Norden besiegelt haben. Waren die vielen Raben rund um Heitabu also vielleicht ein schlechtes Omen?
Mit alten Mythen und wilden Spekulationen will sich Matthias Toplak vom Museum für Archäologie Schloss Gotthorf aber nicht aufhalten. Dem Leiter des Wikinger Museums Heitabu geht es um harte Fakten. Manche davon lassen die Wikingerzeit in einem anderen Licht erscheinen.

**Matthias Toplak** (2:00)
Im Endeffekt geht es zurück auf dänische Archäologen des 19 Jahrhunderts, die diese Wikingerzeit quasi konstruiert haben. Sie haben eine historische Epoche definiert. Aber tatsächlich hat es uns ein bisschen Berndienst erwiesen.

**Thomas Samboll** (2:12)
Rund um das alte Heitabu soll die Wikingerzeit deshalb ins richtige Licht gerückt werden. Im Museum, wo die Besucher von krechzenden Rabenschreien begrüßt werden, mit seinen vielen wertvollen Funden. In der rekonstruierten Siedlung am Hadebjörnor, diesem dunklen, seartigen Gewässer, mit Zugang zum Ostseefjordschlei.
Und im nahen Schloss Gotthorf, wo regelmäßige Ausstellungen ebenfalls immer wieder kräftig am gängigen Wikinger-Image rütteln.
Erst mal rüttelt aber gerade der raue Ostwind an dem kleinen Zopf, den der 41-jährige Wissenschaftler trägt. Ein typischer Wikinger-Haarschmuck, könnte man denken. Aber nein. Mathias Toplak ist Heavy-Metal-Fan. Mit seiner Forschung hat der Zopf rein gar nichts zu tun. So schnell kann man sich also von gängigen Wikinger-Klischees täuschen lassen. Und auch sonst ist wahrlich nicht alles so, wie es scheint, wenn es um Wikinger geht. Das zeigt schon der über einen Kilometer lange und etwa zehn Meter hohe Halbkreiswall, auf dem sich der Museumsleiter dem Wind entgegenstemmt. Der Wall sollte Heid Habur ab dem 10 Jahrhundert gegen Angriffe schützen und prägt die Landschaft dort mit ihren Wiesen und Weiden bis heute.

**Matthias Toplak** (3:34)
Der Wall in der jetzigen Form ist auf jeden Fall nicht der Wikinger-zeitliche Wall. Der war niedergegen wahrscheinlich. Also man hat den Wall ständig auf- und umgebaut. In der jetzigen Form geht er zurück auf die Mitte des 19 Jahrhunderts. Dänische Pioniere haben den Wall als Befestigung im Rahmen der schleswig-holsteinischen Erhebung genutzt und haben ihn nochmal ausgebaut. Also das ist jetzt tatsächlich eher ein neuzeitlicher Wall in der Form, in der wir drauf jetzt stehen.

**Thomas Samboll** (3:57)
Dass Heitabu überhaupt einen Schutzwall brauchte, hängt mit dem wachsenden Reichtum des Ortes und seiner Lage zusammen. Vermutlich wurde er im späten 8 Jahrhundert von frisischen Kaufleuten als Handelsniederlassung in einem damals wohl eher dünn besiedelten Gebiet gegründet. Heitabu verdankte seine Existenz also nicht den Wikingern. Seine Lage war vielmehr perfekt für gute Geschäfte. An der schmalsten Stelle des heutigen Schleswig-Holsteins hatte es nicht nur eine direkte Verbindung zur Ostsee, sondern auch die Nordsee war von hier aus gut zu erreichen. Zudem führte der Ochsenweg an Heitabu vorbei, die zentrale Landverbindung für den Fernhandel zwischen dem Norden und dem Rest Europas. Ideale Bedingungen also für Wachstum und Blüte.
Fand auch der dänische König, der schon bald die Kontrolle über den Ort übernahm. Heitabu wurde zur Wikinger-Siedlung und entwickelte sich zu einer großen und reichen Handelsstadt, in der Menschen und Waren aus aller Welt zusammen kamen. Und das lange Zeit völlig ungeschützt. Kein Wunder also, dass Angreifer immer mal wieder ihre Äxte und Schwerter schwangen, um die Stadt zu erobern. Mythische Raben hin oder her.
Schließlich konnte aber auch der Schutzwall ihren Untergang, der mit dem Ende der Wikingerzeit zusammenfällt, nicht verhindern. Im 11 Jahrhundert hatte es hier, ganz im Süden des Königreichs Dänemark, immer wieder Grenzkonflikte mit den benachbarten Slaven gegeben.
1066 war es dann soweit. Ein slavisches Heer überfiel die Stadt und machte sie dem Erdboden gleich. Danach wurde Heithabu nicht wieder aufgebaut.
Wenn vom Anfang und Ende der Wikingerzeit die Rede ist, gibt das aber in vielerlei Hinsicht Anlass für heiße Diskussionen und neue Sichtweisen. Zumeist gelten der Überfall auf ein Kloster an der englischen Nordseeküste im Jahr 793 und zum Beispiel auch die Eroberung Englands durch die Normannen im Jahr 1066 als Anfang und Ende dieser Epoche. Ein Hilfskonstrukt von Historikern, um sie zeitlich einzugrenzen, sagt Matthias Toplack. Tatsächlich sei die Sache aber viel komplizierter.

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