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FRÜHE KULTUREN EUROPAS - Neues von den alten Germanen

Alles Geschichte - Der History-Podcast

September 4, 2026

Große, blonde Haudegen in Tierfellen, die den Römern die Köpfe einschlagen - so kennen wir die Germanen. Neue archäologische Funde liefern ein ganz anderes Bild. Die Germanen liebten offenbar Reihenhäuser. Ein Podcast von Claudia Heissenberg (BR 2026)
Speakers: Christoph Schmidt, Claudia Heissenberg, Sabine Riekhoff, Karl Banghardt

Topics: History

**Christoph Schmidt** (0:05)
Alles Geschichte. Der History-Podcast.

**SPEAKER_2** (0:18)
Amicus Populi Romani, Freund des römischen Volkes. Diesen Titel verleiht der römische Senat im Jahr 59 v. Chr. dem germanischen Heerführer Ariovist. Zu jener Zeit kontrolliert Rom bereits den gesamten Mittelmeerraum. Spanien, Südfrankreich, Griechenland, Teile Nordafrikas und der Türkei zählen zu den Provinzen.
Das Gebiet des heutigen Süddeutschlands haben die Römer noch nicht erobert, aber es gibt Handelskontakte.

**Claudia Heissenberg** (0:44)
Ein Garmane als Freund des römischen Volkes?
Die Auszeichnung war vermutlich vor allem ein diplomatischer Schachzug von Julius Caesar, um Ariovist zu beschwichtigen. Denn der hatte, ein paar Jahre zuvor, mit 15 Mann aus dem Stammesverbund der Sueben den Rhein überquert und das heutige Elsass besetzt. Als die Gallier Caesar um Hilfe bitten, schickt er ein paar Gesandte zu Ariovist. Die recht pampige Antwort des Garmanen ist auch im Bellum Gallicum vermerkt.

**SPEAKER_2** (1:18)
Wenn Caesar etwas von mir will, dann soll er selbst kommen. Was hat er überhaupt in meinem Teil Galliens verloren?
Schließlich erlaubt das Kriegsrecht dem Sieger, den Besiegten nach Belieben zu gebieten. Ich schreibe dem Römischen folgt auch nicht vor, wie es sein Recht ausüben soll.

**Sabine Riekhoff** (1:33)
Der Ariovist, der war ganz gebildet, der sprach ja Latein und hat eine Österreicherin geheiratet und war natürlich auch mit einer Germanin verheiratet und war es versichnungen. Aber jedenfalls hat er diplomatische Beziehungen gepflegt.

**Claudia Heissenberg** (1:47)
Sagt die große alte Dame der deutschen Eisenzeitforschung. Die 82-jährige Archäologin Sabine Riekhoff aus Regensburg. Wobei Ariovists Ehefrau natürlich keine Österreicherin, sondern eine Kältin war.
Nämlich die Schwester des Königs von Noricum, einem Gebiet, das das heutige Österreich Teile Bayerns und Sloweniens umfasste. Über Süddeutschland im Spannungsfeld von Kälten, Germanen und Römern hat Sabine Riekhoff ihre Habilitation geschrieben.

**Sabine Riekhoff** (2:19)
Über die späten Kälten, über das Ende der Kälten, weil ich mit der Chronologie, die damals existierte, nicht zufrieden war und gesagt hab, das muss alles ganz anders gewesen sein. Wie man das so sagt, wenn man jung ist.

**Karl Banghardt** (2:33)
Das Sueben-Netzwerk von Ariowist, der ja mit Cäsar immer wieder in Konflikt kommt, reichte von der Ostsee, dem Mare Suebikum, bis nach Kärnten, wo es Heiratsbeziehungen gab, bis eben an die Burgundische Pforte, also gigantische Netzwerke. Das finde ich schon sehr faszinierend.

**Claudia Heissenberg** (2:54)
Schwärmt der Archäologe Karl Banghard, Direktor des Freilichtmuseums Orlinghausen im Teutoburger Wald.
Ähnlich begeistert ist sein Kollege Christoph Schmidt, der das Nordfriesk-Institut leitet. Das liegt in der Nähe der dänischen Grenze und erforscht die nordfriesische Sprache, Geschichte und Kultur.

**Christoph Schmidt** (3:14)
Gerade die Germanen sind einfach eine sehr, sehr spannende Gruppe. Also das ist ja nichts Einheitliches. Das zieht sich durch ganz Mittel- und Nordeuropa. Da fließen verschiedene Sachen ineinander.
Das ist kein monolithischer Block. Das ist nicht ein Volk, wie man manchmal denkt, sondern die entwickeln sich ständig weiter unter verschiedenen Einflüssen. Die waren weltgewandt. Die sind weit herum gekommen und kannten offenbar auch das Römische Reich.

**SPEAKER_2** (3:41)
Für Julius Caesar waren die Germanen ein chaotischer und disziplinärter Haufen. Der römische Geschichtsschreiber Tacitus beschrieb sie als blonde, groß gewachsene Haudegen in Tierfällen mit wildblickenden Augen.
Dieses Klischee hat sich bis heute gehalten. Dabei liefern neue archäologische Funde ein ganz anderes Bild.

**Karl Banghardt** (4:01)
Diese Schlamm- und Lederoptik, wie wir sie aus der Netflix-Serie Baban so kennen, die ist völlig hinfällig. Also wir haben in der Zwischenzeit wunderschöne Befunde von Textilien aus Frauengräbern, die richtig schön farbig waren. Die hatten Hochsteckfrisuren, die geflochten waren mit Fremdhaar drin. Also man hat das Haar von anderen Frauen oder sein eigenes Haar nochmal eingebaut.
Die hatten Wandteppiche, elegante Möbel und hatten sicher auch Wohnkultur.

**Claudia Heissenberg** (4:35)
Karl Banghart hat ein Sachbuch geschrieben über Die wahre Geschichte der Germanen. Darin geht es auch um die kleinen, auf den ersten Blick unscheinbaren Dinge, die bei Ausgrabungen in den letzten Jahren entdeckt wurden. Abseits der großen Schlachten werfen sie ein neues Licht auf die Lebensweise der germanischen Stämme. Die Alemannen, Karusker, Goten, Kimbern, Schweben und Teutonen, um nur einige der zahlreichen Stammesverbände zu nennen.
Was zu der Frage führt, wer waren eigentlich die Germanen?

**Christoph Schmidt** (5:07)
Natürlich sind die Menschen dieser Zeit auch in gewissem Sinne unser Vorfahren. Aber man sollte immer sehr vorsichtig sein, dass man nicht seine eigene Identität daran festmacht. Da wird mir etwas unheimlich, wenn Leute sagen, ja ich bin ja Deutscher und damit bin ich Germane und darauf bin ich dann stolz.
Diese Arroganz, die sollte man doch mal ablegen. Sich lieber mal mit den Dingen beschäftigen, das ist nämlich hochspannend.

**Karl Banghardt** (5:29)
Ja der Begriff German ist natürlich eine römische Fiktion. Und hätte man jetzt einen bei uns im Teutoburger Wald gefragt, was bist du, da hätte er gesagt, ich bin Karusker oder ich bin Prukterer oder Masser. Aber ich glaube nicht, dass der sich jetzt als Germane selbst verstanden hätte.

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