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FRÜHE KULTUREN EUROPAS - Die rätselhaften Jamnaja

Alles Geschichte - Der History-Podcast

September 4, 2026

Männerhorden aus dem Osten, die das prähistorische Europa überrollen, blutrünstigstes Volk aller Zeiten - und zugleich die Ahnen heutiger Europäer: Die Geschichten zur sogenannten Jamnaja-Kultur gehen in die Extreme. Was ist wirklich dran? Ein Podcast von Sebastian Kirschner (BR 2026)
Speakers: Sebastian Kirschner, Martin Furholt, Anna Scherlian, Volker Heidt

Topics: History

**Sebastian Kirschner** (0:06)
Alles Geschichte.

**Martin Furholt** (0:08)
Der History-Podcast.

**Sebastian Kirschner** (0:15)
Europa, 5 Jahre vor heute.
Zeitenwände in der Vorgeschichte. Breiter Horden aus dem Osten fallen über das Land und seine Leute her. Ein Steppensturm, der über das Land fegt.

**Anna Scherlian** (0:30)
Ein gewalttätiger Mob muskulöser Männer, der aus den kaukasischen Steppen über den europäischen Kontinent hereinricht. Männer, die raubten, plünderten und vergewaltigten.

**Sebastian Kirschner** (0:43)
Das blutrünstigste Volk aller Zeiten. Eines, das uns durch seine massiven Migrationen bis heute seinen Stempel aufdrückt.
Das ist das eine Klischee zur Kultur der Jamnaja. Vermeintlich festgemacht an gravierenden genetischen Veränderungen in Mitteleuropa zu dieser Zeit. Daneben die Jamnaja als Ursprung, als Ahnen der heutigen Mitteleuropäer.

**Volker Heidt** (1:06)
Wir heute, 5000 Jahre später, wir spüren noch diese Veränderungen, die damals sich manifestiert haben. Das ist zum einen der Genpool Europas. Viele Bewohner Europas sind die direkten Nachkommen von Menschen, die damals nach Europa eingewandert sind.

**Sebastian Kirschner** (1:24)
Mehr noch. Unsere überdurchschnittliche Körpergröße etwa, unsere auf den Mann ausgerichtete Gesellschaft, unsere gemeinsame indo-europäische Sprachfamilie. All das und mehr geht demnach zurück auf die Jamnaja.
Doch wie waren diese Menschen wirklich? Was kann man über sie sagen? Welche Bedeutung haben die Jamnaja noch heute für uns?
Also rund 5000 Jahre zurück, ins dritte Jahrtausend vor unserer Zeit, diesmal jenseits der Klischees. Im archäologischen Fundgut ist der europäische Kontinent der frühen Bronzezeit ein gesellschaftlicher Flickenteppich. Schnurkeramikultur, Glockenbecherkultur, Streitachstkultur, Einzelgrabkultur.

**Volker Heidt** (2:11)
Ein Puzzle von verschiedenen archäologischen Kulturen, Gesellschaften.
Es gibt welche, die sind über Weiteräume verbreitet, es gibt welche, die sind relativ regional nur. Genetisch sind sie Nachfolger der frühen Neolithischen Landwirte, die aus Anatolien gekommen sind.

**Sebastian Kirschner** (2:28)
Und dazu kommt nun von Osten her noch eine weitere Gruppe, erklärt Volker Heidt von der Universität Helsinki, eben die Jamnaja. Seit Jahren forscht der deutsche Archäologe intensiv zu ihrer Kultur und gilt weltweit als einer ihrer besten Kenner.

**Volker Heidt** (2:43)
Wir wissen nicht hundertprozentig genau, wo die Jamnajas herkommen. Wahrscheinlich stammen sie aus dem Bereich zwischen Kasbischen und Schwarzem Meer, etwa unterer Donnen, untere Wolker, so in dem Bereich dort, nördliches Kaukasusvorland auch.

**Sebastian Kirschner** (2:59)
Das Klima und die Umweltbedingungen sind vor rund 5 Jahren offenbar günstig, um von dort aus neue Siedlungsplätze zu suchen.

**Volker Heidt** (3:07)
Es ist durchaus eine Wärmeperiode. Europa ist weitestgehend bewaldet. Die Flüsse sind die großen Arterien der Mobilität. Es gibt allerdings in Osteuropa weite Steppenräume, die für menschliche Mobilität ideal sind, weil da kann man ohne Hindernis über große Strecken migrieren.

**Sebastian Kirschner** (3:27)
Und Wandern, das tun die Menschen damals offenbar. Zumindest folgern das Archäologen aus Ausgrabungsfunden und deren Verbreitung. Vom nördlichen Kaukasusvorland über das heutige Rumänien bis zu vergleichbaren Bestattungen, etwa im heutigen Sachsen-Anhalt.
Deshalb ist es Archäologe Martin Furholt von der Universität Kiel wichtig, die Jamnaja-Kulturen nicht direkt mit einer Gruppe von Menschen gleichzusetzen.

**Martin Furholt** (3:52)
Die Jamnaja sind ja erstmal ein archäologisches Konstrukt.
Das ist ein Begriff, der bezeichnet eine bestimmte Grabform im Wesentlichen. Also diese Grubengräber unter Hügeln, die in diesem südosteuropäischen Steppenbereich, heutige Ukraine, heutiges südwestliches Russland, entstanden sind.

**Sebastian Kirschner** (4:12)
Archäologisch begegnen uns die Jamnaja also erst einmal in Form einer bestimmten Bestattungssitte. Grabhügel, auch Kurgane genannt.
Dass Forschende sie als zusammengehörige Gruppe, als Kultur definieren, begründet Martin Fuhrholdt so.

**Martin Furholt** (4:28)
Es gibt sehr, sehr viele von diesen Gräbern, sicherlich Tausende von diesen Gräbern, wo man tiefe Gruben angelegt hat, die Leute auf eine bestimmte Art und Weise reingelegt hat, also auf dem Rücken, aber mit angewinkelten Beinen oder mit gespreizten Beinen, Ockerstreuung manchmal, meistens ohne Beigaben.

**Sebastian Kirschner** (4:45)
Markantes Fundgut, an dem Forschende, die Jamnaja eindeutig erkennen könnten, gibt es nicht. Und auch wie diese Menschen gelebt haben, können die Wissenschaftler nur indirekt erschließen.

**Martin Furholt** (4:55)
Das Siedlungswesen der Leute, die dort bestattet werden, ist sehr, sehr sporadisch nur bekannt, was dazu geführt hat, dass man davon ausgeht, dass das so eine Art nomadische Hirtenkultur im Wesentlichen ist.

**Sebastian Kirschner** (5:08)
Trotzdem verraten die Gräber schon einiges. Genauer gesagt die Skelettreste.
Aus der Länge der Knochen etwa folgern Forschende wie Volker Heid, dass die Menschen relativ groß waren.

**Volker Heidt** (5:21)
Wir haben Durchschnittsklärpergrößen von 1,75 m für Jamnaja-Männer. Das ist für prehistorische Verhältnisse sehr viel.
Und wenn man sich Statistiken heutzutage anschaut, im Durchschnitt sind die Europäer die größten Menschen dieser Welt. Und es ist höchstwahrscheinlich auch so, dass diese Gene für Körpergröße durchaus vor 5 Jahren etwa auch hier in Europa angekommen sind.

**Sebastian Kirschner** (5:44)
Bewiesen ist das nicht. Aber es wäre eine der gewaltigen Veränderungen, die die Jamnaja möglicherweise mit sich gebracht haben. Altertumsforscher sprechen von revolutionären Umbrüchen. Was ist also damals so einschneidend, es passiert?
Ob nun Steppenansturm und brutale Reiterhorgen oder nicht, das Außergewöhnliche an den Jamnaja ist für Forschende ihre Mobilität. Innerhalb kurzer Zeit müssen sich die Menschen dieser Kultur sehr weit verbreitet haben, sagt Volker Heid. Das zeigen die archäologischen Funde.

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