**Maren Peters** (0:04)
Als Wimla Chorotia ins Spital gerufen wurde, war sie völlig ahnungslos.
**SPEAKER_2** (0:11)
Sie sagten, mein Mann hatte einen Unfall. Als ich ihn endlich sehen durfte, brach ich zusammen.
**Bezwada Wilson** (0:18)
Ihr Mann war tot.
**Maren Peters** (0:20)
Nach Angaben der Ärzte erstickte er an giftigen Gasen in einer Klärgrube in der indischen Wirtschaftsmetropole Mumbai. Die Polizei habe gesagt, Govind Churotia und zwei seiner Kollegen seien in eine Grube voller Fäkalien gefallen. Sie stammten aus den Toiletten einer großen privaten Wohnanlage.
Wie der Unfall passieren konnte, sei ein Rätsel, sagte die Hausverwaltung. Der 42-jährigen Witwe kam das seltsam vor.
**Bezwada Wilson** (0:53)
Ich dachte, mein Mann sei Installateur.
**Maren Peters** (0:56)
Tatsächlich starb Govind Chorotia bei einer Arbeit, die in Indien seit langem verboten ist, aber immer noch weit verbreitet. Der 36-Jährige reinigte eine Klärgrube voller menschlicher Fäkalien mit bloßen Händen.
Bei dieser Arbeit passieren immer wieder tödliche Unfälle. Fast alle Menschen, die diese Arbeit machen, sind Dalit. Früher wurden sie Unberührbare genannt, denn sie stehen ganz unten in der strengen Hierarchie des traditionellen hinduistischen Kastensystems und gelten als unrein. Darum werden sie oft diskriminiert. Der Rest der Gesellschaft will nichts mit ihnen zu tun haben.
Aktivisten wie Bezwada Wilson, selbst ein Dalit, kämpfen seit Jahrzehnten dagegen an.
**Bezwada Wilson** (1:49)
Wir haben uns diese Arbeit nicht ausgesucht. Wir wurden einfach in eine Kaste hineingeboren, die den Dreck von anderen Leuten wegmacht.
**Maren Peters** (1:57)
Die UNO-Arbeitsorganisation ILO spricht von Zwangsarbeit und fordert deren Abschaffung. Warum ist sie nicht längst abgeschafft?
Das ist die Sommerausgabe von International. Mein Name, Maren Peters.
Pravin Chintaman Jadu, ein Dürrer kleiner Mann in den 50ern, steht vor einem offenen Gully. Trübes Abwasser läuft von der Seite hinein und dann weiter in die Kanalisation. Der Gully gehört zur Amenssiedlung Matunga Labor Camp im Zentrum Mumbais. Hier wohnen Zehntausende Migrantinnen und Migranten, die aus anderen Teilen Indiens gekommen sind, um Arbeit zu finden. Die schmale Straße ist mit Abfällen aus der Nachbarschaft bedeckt. Sie werden nur ein- bis zweimal pro Woche weggebracht. In der tropischen, feuchten Hitze Mumbais fangen Abfälle schnell an zu faulen, ein Festessen für Ratten und anderes Ungeziefer. Auch am Grund des Gullis sieht man Plastiksäcke, Essensreste, Textilfetzen und Fäkalien im trüben Wasser schwimmen. In Indien haben viele Menschen keinen Zugang zu Toiletten und entleeren sich im Freien. Arbeiter wie Yado räumen jede Art von Abfall weg mit vollem Körpereinsatz.
**Bezwada Wilson** (3:28)
Wenn der Abfluss verstopft ist, steigen wir runter und reinigen den Gully mit bloßen Händen.
**Maren Peters** (3:38)
Der Dalit, der als Tagelöhner für ein Subunternehmen der mächtigen Stadtverwaltung arbeitet, blickt in das stinkende schwarze Loch hinunter. Er muss oft rein klettern. Dann stehe ihm das Dreckwasser bis hier, sagt er, und hält die Hände über seine Hüften.
Geschützt ist er nicht.
**Bezwada Wilson** (3:59)
Gummistiefel nützen nichts.
Das Wasser würde von oben hineinlaufen. Sie würden überlaufen.
**Maren Peters** (4:08)
Am Ende des Tages bekommt Pravin Yaddo 400 Rupien ausbezahlt, umgerechnet 3,40 Franken. Ein normaler Tagelöhnerlohn in Mumbai. Er reicht aus, um den Magen mit Reis und Linsen zu füllen.
Aber die Arbeit sei gefährlich, sagt Yaddo, müde. Vor allem der Geruch sei schlimm. Pravin Chintamanyaddo hat seinen Weg gefunden, damit umzugehen.
Jeden Abend spült er den Gestank mit Alkohol weg, wie alle seine Freunde. Seine Familie hat ihn deshalb schon vor Jahren verlassen. Der kleine Mann in zerschlissener oranger Leuchtweste gehört zu den zehntausenden Menschen in der Millionenmetropole Mumbai, die in der Kanalisation entlang von Bahngleisen in öffentlichen Toiletten und privaten Klärgruben Abfall und Fäkalien von Hand wegputzen. Die wenigsten haben eine Schutzausrüstung. In Indien ist diese Arbeit offiziell schon seit mehr als zehn Jahren verboten. Trotzdem gebe es häufig tödliche Unfälle, schreibt die UNO-Arbeitsorganisation ILO, ohne eine Zahl zu nennen. Oft sterben gleich mehrere Menschen bei dem Versuch, jemanden zu retten. Doch die Stadtverwaltung von Mumbai will davon nichts wissen. Ihre offiziellen Statistiken führen weder Arbeiter noch Unfälle auf. Dass Menschen noch immer Fäkalien mit den Händen wegräumen müssen, hält das Oberste Gericht Indiens für einen Verstoß gegen internationale Menschenrechtskonventionen. Das Gericht hat die Regierung schon vor Jahren aufgefordert, diese Praxis zu stoppen.
Doch im eng besiedelten Matunga-Labor-Camp in Mumbai gibt es auch heute noch in jedem Haushalt ein oder zwei Personen, die diese verbotene Arbeit machen. In der Stadt sind es meistens Männer.
Auch Pravin Singh ist einer von ihnen. Wir treffen den sanften 45-Jährigen per Freunden in Matunga.
**Pravin Singh** (6:13)
Mein Name ist Pravin Singh.
**Maren Peters** (6:16)
Pravin Singh setzt sich auf einen Schemel. Seine Augen sind rot geädert. Seine Zähne bräunlich verfärbt vom Kauen der Betelnuss einem beliebten Rauschmittel. Er leidet unter Asthma, atmet schwer und hustet immer wieder. Mitgehen zu seiner Arbeit dürfen wir nicht, denn das, was er tut, ist illegal.
Singh reinigt seit seiner Jugend Klärgruben mit der Hand. Sein Vater habe ihm diese Arbeit verabt. Man sieht sie ihm an. Die Trainerhose ist fleckig. Die Hände sind voller Narben, die Nägel schwarz. Dass es an seiner extrem niedrigen Kaste namens Valmiki liegt, dass er bis heute den Dreck der Gesellschaft wegräumt, das weiß Pravin Singh nicht. Er hat die Schule früh abgebrochen, wie viele da liet, und nichts anderes gelernt. Aber er weiß, dass er Geld braucht, um seine alte Mutter zu ernähren. Mehr hat er nicht im Leben. Heiraten wollte ihn niemand.
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