Topics: Society & Culture
**Katrin Böhning-Gaese** (0:06)
Wir könnten als Menschen nicht existieren, wenn wir nicht die Natur hätten. All das, was wir denken, was wir im Supermarkt kaufen oder was wir so alles brauchen, all das ist aus der Natur und damit unsere Lebensgrundlage. Was im Boden passiert, dafür sind wir fast blind. Und das ist das Gefährliche beim Verschwinden der Biodiversität. Und auch einer der Gründe, warum wir das nicht so mitbekommen, das passiert heimlich und leise und oft an Orten, die wir gar nicht im Blick haben. Das ist ein Netz des Lebens. Und mit jeder Art, die ich daraus nehme, wird dieses Netz löchriger. Und letztlich ist es dieses Netz, das diese ganzen essentiellen Ökosystemleistungen zur Verfügung stellt. So viele Arten, wie jetzt aussterben, sind in den letzten 10 Millionen Jahren nicht ausgestorben.
Und das ist wirklich besorgniserregend.
**Matze Hielscher** (0:58)
Willkommen zur Hotel Matze Sommerfrische. Ich bin diesen Sommer wieder unterwegs und treffe meine Gäste zu Hause im Garten, im Kloster oder hier im Spreewald in der Bleiche. Mein heutiger Gast ist Prof. Dr. Katrin Böhning-Gaese. Sie ist Biologin und Vogeexpertin und forscht zu den Themen Naturschutz, Artenschutz und Biodiversität, also Themen, die lebenswichtig für uns sind, aber die ich bisher nicht so richtig nachvollziehen konnte. Wir sprechen über Biodiversität, über Landwirtschaft und warum Klimaschutz und Naturschutz nicht immer dasselbe sind. Ihr werdet nach dieser Folge verstehen, dass Artensterben oft nicht laut, sondern sehr, sehr leise passiert. Und ich bin mir sicher, dass ihr die Natur danach anders sehen und auch hören werdet. Ich wünsche euch viel Vergnügen bei der Hotel Matze Sommerfrische mit Prof. Dr. Katrin Böhning-Gaese.
Ich würde gerne zum Anfang verstehen wollen, was wir jetzt gerade im Spreewald sind. Und das ist ein, das muss ich sogar ablesen, ein Biosphärenreservoir. Was ist das eigentlich genau, ein Biosphärenreservoir?
**Katrin Böhning-Gaese** (2:05)
Biosphärenreservoir ist eine formale Schutzform, die es in Deutschland und weltweit gibt. Und wo es darum geht, dass jetzt nicht nur eine Wildnis unter Schutz gestellt wird und die Menschen außen vor gehalten werden, sondern wo es darum geht, Kulturlandschaften zu schützen, die zum Teil schon hunderte von Jahren existieren und wo die ganze Landschaft durch die menschliche Nutzung erst entstanden ist. Und das haben wir hier im Spreewald. Da gibt es Bereiche, die noch Wald sind, aber auch ganz viel diese genutzten Landschaften, wo man eben Hecken hat und Bäume hat und man dazwischen Felder oder Wiesen und Weiden hat. Und alles ein ganz kleinräumiges Mosaik von verschiedenen Landnutzungsformen ist.
Und deswegen wurde diese Region hier als Biosphärenreservat unter Schutz gestellt, ist aber auch heute eine Mischung aus Kernzonen, wo niemand hin darf, landwirtschaftlich genutzten Flächen, Dörfern, zwei Städten.
Und es geht um Mensch und Natur.
**Matze Hielscher** (3:08)
Und dass man beides darf. Man lässt es einerseits so, wie es ist, und es gibt aber auch Flächen, die betreten werden dürfen, die genutzt werden dürfen.
**Katrin Böhning-Gaese** (3:19)
Genau.
**Matze Hielscher** (3:19)
Wer bestimmt das?
**Katrin Böhning-Gaese** (3:21)
Da einigt man sich im Vorfeld drauf. Das heißt, man holt sich die Karte und schaut dann an, welche Region sollte wirklich Kernzone sein, mit Betretungsverbot. Und das hat man dann auch im Hochwald, im Spreewald selber. Da sollte man dann auch nicht mit dem Kanu reinfahren. Und es gibt Bereiche, die landwirtschaftlich genutzt sind. Das ist dann auch nicht vorgeschrieben wie.
Aber Ökolandbau ist nachhaltiger als konventioneller Landbau. Und hier in der Region, im Biosphärenreservat Spreewald, 70 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche ist Ökolandbau. Aber es gibt eben auch Städte und Dörfer und viele Touristen und Straßen und Plätze und alles eben gemeinsam. Und idealerweise würden die Produkte, die hier produziert werden, auch wieder hier in den Lebensmittelgeschäften verkauft oder in den Restaurants oder in den Hotels und Gastwirtschaften angeboten, sodass man eben auch die Wertschöpfungsketten kurz hat und die Produkte aus der Region wieder in der Region vermarktet werden.
**Matze Hielscher** (4:29)
Warst du davor schon mal hier?
**Katrin Böhning-Gaese** (4:30)
Wir waren schon mal hier, ja, ich war schon mal hier.
**Matze Hielscher** (4:33)
Wie unterscheidet sich jetzt dieses Biodiversitär von einem anderen? Also kannst du das für alle Menschen, die das hier noch nicht gesehen haben, wie kannst du das beschreiben?
**Katrin Böhning-Gaese** (4:43)
Also der Spreewald ist eine ganz ungewöhnliche, ganz außerordentliche Landschaft.
Das ist eine Beckenlandschaft, wo eben die Spree reingeflossen ist und das war sehr flach. Und historisch hat die sich in Tausende von Ästen aufgespalten. Das waren früher geschlossene, sumpfige Wälder. Und dann wurde das landwirtschaftlich erschlossen. Dann hat man diese ganzen Fließgewässer in Kanäle gebracht oder in natürlichen Fliesen gelassen und dazwischen Felder angelegt. Und da musste man wirklich die Landwirtschaft dem Sumpf abbringen. Das war ein harter Kampf.
**Matze Hielscher** (5:18)
Man musste der Landschaft den Sumpf abbringen. Das klingt so wie so ein kleiner Kampf sogar.
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