**SPEAKER_1** (0:01)
SRF Audio.
**Callum Mackenzie** (0:11)
Sankt Petersburg, im Dezember. In einem Club am vereisten Meeresufer beginnt das Konzert einer Punkband. Urteilt man nach den Plakaten an der Wand, ist es ein Musikabend wie jeder andere in der Kulturhauptstadt von Russland.
Doch Eingeweihte wissen, dass eine ganz bestimmte Szene hier feiert. Die Bands und die meisten im Publikum gehören zur russischen LGBT-Gemeinschaft. Bloß spricht das hier niemand aus.
**SPEAKER_2** (0:41)
Ich hab früher Texte geschrieben von ihm, aber jetzt kann ich das nicht mehr so schreiben.
**Callum Mackenzie** (0:51)
Früher ging es in meinen Liedern um Männer. Ich sang er und sprach von ihm, sagt der Sänger der Band. Heute geht das nicht mehr. Ich habe die Texte, auf das weibliche Pronomen sie umschreiben müssen. Schwul, lesbisch, trans. In Russland ist es verboten, in der Öffentlichkeit über queere Menschen zu reden, es sei denn, man verurteilt sie. Vor gut einem Jahr hat der Kreml die gesamte LGBT-Bewegung als extremistisch einstufen lassen. Doch überhaupt mischt sich der Staat seit Beginn des Grossangriffs auf die Ukraine mit immer neuen Massnahmen ins Privatleben der Menschen ein und schaut dabei bis unter die Bettdecken.
Russland, Spezialoperation im Schlafzimmer, das ist international. Mein Name Callum Mackenzie.
Neben dem Bahnhof im Dorf Pietuszki steht eine kleine orthodoxe Kirche. Die dunkelbraunen Fassaden, die typischen Zwiebelkuppeln und die verzierten weissen Fensterrahmen sind aus Holz. Im Innern riecht es nach Kerzen und Weihrauch. Unter den Füssen des Priesters knirschen die Dielen im Kirchenschiff. Zwischen seinen Gebeten singt ein Frauenchor. Zu den treuesten Kirchengängerinnen hier gehört Tatiana. Sie ist 51 Jahre alt, ausgebildete Kinderärztin und arbeitet als Kosmetikerin. Tatiana ist in der Gegend so etwas wie ein Promi. Sie gibt heute nicht zum ersten Mal ein Interview, wurde bereits vom Gouverneur der Region Vladimir und sogar von der Regierung in Moskau ausgezeichnet. Tatiana ist eine sogenannte Heldenmutter, denn sie hat 10 Kinder zur Welt gebracht. In einem Café unweit der Kirche von Pietuszki zählt Tatiana die Namen ihrer Kinder auf.
**Tatiana** (3:02)
Marina, dann Peter, dann Julia, Zlata, Ivan, Vasili, Pavel, Maria und Alexei.
**Callum Mackenzie** (3:10)
Mit 10 Kindern sei das Familienleben einfacher, als es etwa mit 6 war, sagt sie. Heute helfen die älteren Geschwister, auf die Jüngeren aufzupassen. Anders als die Mehrheit der russischen Bevölkerung, die in engen Stadtwohnungen lebt, ziehen Tatjana und ihr Mann die Familie in einem richtigen Haus gross. Ich scherze manchmal, dass ich deshalb so viele Kinder habe, weil es meine Wohnfläche erlaubt, sagt sie. Tatsächlich aber erklärt Tatjana den Entscheid, der durchaus bewusst war, mit ihrem Glauben und ihrer Liebe.
**SPEAKER_5** (3:51)
Die Liebe, die mein Mann und ich teilen, ist ein Geschenk Gottes. Dieses wunderbare Geschenk wollten wir erwidern. Kinder sind die Früchte der Liebe, wie schöne Äpfel oder Birnen. Und das wollten wir an Gott zurückgeben, freiwillig. Weil die Liebe hatten wir von ihm umsonst bekommen.
**Tatiana** (4:10)
Wie schöne Äpfel oder Birnen.
**Callum Mackenzie** (4:16)
Von Pietuszki, wo Tatjana lebt, sind es 130 Kilometer nach Moskau. Langsam klappert der alternde Regionalzug aus der Provinz dem politischen und wirtschaftlichen Zentrum Russlands entgegen. Und die Moore und Kieferwälder vor dem Fenster weichen Satellitenstädtchen, die Namen wie Elektrostahl oder Eisenbahn tragen. In der Hauptstadt, genauer gesagt im Kreml, kommen Worte wie diejenigen von Tatjana Gutt an. Die Regierung will, dass die Russinnen und Russen mehr Kinder kriegen. Natürlich entscheide jede Frau selbst über ihr Leben, sagte Gesundheitsminister Michael Muraszko 2023 im Parlament. Aber...
**SPEAKER_2** (5:06)
In der Gesellschaft hat sich eine verwerfliche Überzeugung gebildet, wonach eine Frau zuerst Bildung erhalten, dann eine Karriere und eine materielle Grundlage aufbauen und erst dann ans Kinderkriegen denken soll. Aber in dem Alter treten viele Probleme auf, Unfruchtbarkeit, Fehlgeburten. Für ein drittes oder ein viertes Kind reicht die Zeit nicht mehr.
**Callum Mackenzie** (5:29)
oder 4 Kind. Die russische Politik diskutiert die sinkende Geburtenrate mit wachsender Besorgnis. Der Kreml nannte den Rückgang jüngst katastrophal. Und tatsächlich, noch vor 10 Jahren wurden in Russland pro Jahr fast 2 Millionen Kinder zur Welt gebracht. Heute hat sich diese Zahl beinahe halbiert, es sind die niedrigsten Werte seit den 1990er Jahren. Das Vermächtnis jener turbulenten Jahre ist ein Teil des Problems. In der wirtschaftlichen Misere nach dem Zusammenbruch des Kommunismus verzichteten Millionen Russinnen und Russen darauf, Familien zu gründen. Weil damals weniger Kinder geboren wurden, fehlt es jetzt an 25- bis 30-jährigen, die ihrerseits Nachwuchs zeugen könnten. Das Resultat, die Bevölkerung Russlands schrumpft jährlich um etwa eine halbe Million Menschen.
Die einzelne russische Frau soll jetzt mehr Kinder gebären, um das Defizit wettzumachen. Für Staatspräsident Vladimir Putin ist das Chefsache. Im Juni 2022 führte er per Dekret den alten sowjetischen Orden Heldenmutter wieder ein, mit dem nun kinderreiche Frauen wie Tatjana belohnt werden. Heldenmütter kriegen eine einmalige Geldzahlung von etwa 9000 Franken für ihre 10 oder mehr lebend geburten. In einigen Regionen gibt es neu auch Zuschüsse an Studentinnen, wenn sie ein lebendes Kind gebären. Kommt das Baby tot zur Welt, gibt es kein Geld. Propagiert wird das Ideal einer grossen Familie, auch in Schulen, Kultur und Werbung. Auch das Fernsehen ist Teil der Offensive. Die beliebte Reality-Show Schwanger mit 16 heisst jetzt Mama mit 16 Einst ging es in der Sendung um die Zukunftsängste und Geldsorgen der jungen Mütter, viele wurden von ihren Familien verstoßen oder entschieden sich für einen Schwangerschaftsabbruch. Heute aber werden diese Herausforderungen weitgehend verschwiegen oder schön geredet. Ein Kind ist in jedem Fall ein Glück, sagt die 17-jährige Christina, die noch vor der Geburt vom Kindesvater verlassen wurde.
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