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Annette Kehnel – Mit dem Mittelalter in die Zukunft

Sternstunde Philosophie

August 1, 2026

Düster, rückständig, frauenfeindlich – das Mittelalter hat einen schlechten Ruf. Völlig zu Unrecht. Vielmehr würden seine Wirtschafts- und Lebensformen den Weg in eine bessere, nachhaltigere, emanzipiertere Zukunft weisen, argumentiert Historikerin Annette Kehnel.
Speakers: Wolfram Eilenberger, Annette Kehnel
**SPEAKER_1** (0:01)
SRF Audio.

**Wolfram Eilenberger** (0:10)
Herzlich willkommen. Was zukünftig Not tut? Na, ein wirklich nachhaltiges Wirtschaften, mehr lebendiger Gemeinschaftssinn, eine vernünftige Verzichtskultur, echte Verantwortungsübernahme für kommende Generationen, 100% Recyclingquoten. Klingt wie ein Traum?
Ist es nicht? Das alles gab es nämlich schon hier im Westen, und zwar im sog. Mittelalter, argumentiert mein heutiger Gast, die Historikerin und preisgekrönte Buchautorin Annette Kehnel, mit Rezepten aus dem Mittelalter in die Zukunft. Im Ernst?

**Annette Kehnel** (0:48)
Im Ernst, ja. Im Ernst. Keine Rezepte, aber Inspiration und Motivation. Wir müssen das Rad in Sachen Nachhaltigkeit nicht neu erfinden.

**Wolfram Eilenberger** (0:58)
Frau Kehnel, das Mittelalter stellen wir uns ja so als eine Zeit vor, in dem Könige, Kaiser, Fürstinnen absolut herrschten. Ihr Wort war gesetzt, was sie sagten, wurde getan. Wenn Sie jetzt im Jahre 2026 an die Macht kämen, was wäre denn Ihre erste mittelalterlich inspirierte Maßnahme?

**Annette Kehnel** (1:17)
Puh, also einer der größten Unsinn, die wir vom Mittelalter glauben, ist, dass dort die Herrscherinnen und Herrscher absolute Macht gehabt hätten. Stimmt nicht. Im Mittelalter wurde konsensual regiert. Absolut wurde das erst im Absolutismus. Sie erinnern sich, das waren die Zeiten, von den Männern in weißen Seitenstrumpfhosen und Perücken. Die hätten heute große Probleme in die USA einzuheißen.
Das war Ludwig, der Sonnenkönig im 17 Jahrhundert.

**Wolfram Eilenberger** (1:47)
Also das Mittelalter war viel konsensueller, als wir uns vorstellen.

**Annette Kehnel** (1:50)
Ja, so ein König oder selbst der Kaiser, der konnte nicht ohne seine Pias regieren. Aber die Frage ist gut, wenn ich etwas bestimmen könnte.
Wie wäre es mit Reduzierung der Arbeitszeit auf das Maß, was wir im Mittelalter hatten?

**Wolfram Eilenberger** (2:08)
Und wie hoch war das?

**Annette Kehnel** (2:09)
Im Mittelalter haben wir so zwischen je nach Jahrhunderten und Konjunkturen vielleicht so 1600 Arbeitsstunden im Jahr. Heute haben wir ungefähr 1800 oder 2000
Im 19 Jahrhundert war das große Drama der Erhöhung der Arbeitszeiten. Aber im Mittelalter hat man blau gemacht. Der blaue Montag ist eine mittelalterliche Erfindung. Fünf Tage Woche war gesetzt. Ein Frohntag, der hört sich immer so frohmäßig an. Ein Frohntag war ein halber Tag Arbeitszeit. Wenn sie ganzen Tage gearbeitet hatten, hat ihnen der Gutsherr zwei Tage Arbeitsleistung angerechnet.

**Wolfram Eilenberger** (2:47)
Jetzt hab ich schon mal zwei Dinge gelernt. Erstens, Konsens war viel wichtiger als wir glauben. Und der mittelalterliche Frohnarbeiter hat auch mal gechillt. Und sogar viel gechillt.

**Annette Kehnel** (2:56)
Viel gechillt, mehr als wir. Die hatten viel mehr Feiertage.

**Wolfram Eilenberger** (2:59)
Ich würde denken, als Historikerin und Wissenschaftlerin würden Sie sich wahrscheinlich auch wünschen, dass wir die heutigen erst einmal den meisten Unsinn vergessen, den wir über das Mittelalter so im Kopf haben.

**Annette Kehnel** (3:11)
Ach, das haben Sie schön gesagt, Herr Eilenberger. Besser hätte ich es nicht formulieren können. Also sagen wir so, ich würde schon dafür plädieren, unser Bild vom Mittelalter, wie wir es aus der Schule kennen, mit Lehenspyramide und so weiter, das ist schon sehr verfälscht eigentlich. Und kommt aus einer Zeit, vor allem im 19 Jahrhundert oder auch im späten 18.,
wo es darum ging, dass die eigene Gegenwart als der Höhepunkt aller Zeiten eigentlich gesetzt war. Und je dunkler die Vorzeit war, desto heller erstrahlte die eigene Gegenwart. Und in diesem Kontext wurde im Grunde das Mittelalter als das dunkle Zeitalter des Aberglaubens und der Irrationalität in diese Schmuddelecke verbannt.

**Wolfram Eilenberger** (4:00)
Also eigentlich ist das eine Erzählung vom dunklen Mittelalter, wie die Moderne für sich erfindet, um sich besser darstellen zu lassen, dastehen zu lassen, als man gemeinhin meint. Und damit sind wir eigentlich schon beim Kern ihres Projektes, einer Rehabilitierung des Wissens und der Lebensformen des Mittelalters. Sie sind Lehrstuhlinhaberin für mittelalterliche Geschichte in Mannheim. Sie haben in Oxford, in Dublin und in München studiert. Sie verstehen sich heute auch, würde ich sagen, als engagierte Wissenschaftlerin, auch mit politischem Engagement. Das überrascht ja zunächst einmal. Man würde denken, wer sich akademisch fürs Mittelalter interessiert, flieht ein bisschen vor der Gegenwart und will sich ihr nicht zuwenden.

**Annette Kehnel** (4:42)
Ja, stimmt. Das könnte man eigentlich denken. Wobei, ich denke, damit würde ich meiner eigenen Zunft auch Unrecht tun. Also die meisten Menschen, die Mittelalter unterrichten, studieren oder erforschen, haben doch ein viel größeres Interesse an der Gegenwart und an der Zukunft, als wir gemeinhin denken. Also dieses antiquarische Interesse für das Mittelalter oder für die Vergangenheit, das dominierte eher im 19 und zum Teil auch im 20 Jahrhundert. Aber ich denke, mein Hauptantrieb zum Studium der Geschichte, es geht weniger um die Vergangenheit, es geht vielmehr um die menschliche Fähigkeit, Erinnerung und Gedächtnis zu haben. Und eigentlich hat der liebe Gott uns diese Fähigkeit geschenkt, damit wir lernen aus gemachten Erfahrungen.
Wenn wir sie verdrängen oder verteufeln, die Vergangenheit und die Erfahrungen der Vergangenheit oder im Grunde schlecht reden, dann brauchen wir uns auch nicht wundern, wenn wir nichts daraus lernen.

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