Anna-Lena von Hodenberg (HateAid) – Wer traut sich noch etwas zu sagen? artwork

Anna-Lena von Hodenberg (HateAid) – Wer traut sich noch etwas zu sagen?

Hotel Matze

July 19, 2026

Mein heutiger Gast ist Anna-Lena von Hodenberg. Sie war Journalistin, bis sie merkte, dass Beobachten ihr nicht mehr reicht. Mit HateAid unterstützt sie Menschen, die im Netz bedroht, beleidigt oder bloßgestellt werden.
Speakers: Anna-Lena von Hodenberg, Matze Hielscher
**Anna-Lena von Hodenberg** (0:07)
Okay, es gibt jetzt einfach in unserer Welt einen Raum, wo meine Rechte nicht mehr gelten.
Und für die TäterInnen ist das natürlich auch ein Signal zu sagen, hier ist irgendwie der wilde Westen, wir können hier machen, was wir wollen. Das macht mich wütend, dass immer mehr betroffene Menschen sagen, wenn ich als Frau ins Internet gehe und da irgendwas poste, ist doch klar, dass ich dann sexualisiert beleidigt werde. Und dann bleiben eben am Ende die übrig, die am lautesten schreien, die am meisten beleidigen, die andere am besten fertig machen und die anderen haben keine Stimme mehr. Und das macht mir Sorge. Ihr dürft nicht in meinen Kopf kommen. Und als Colleen Fernandez an die Öffentlichkeit gegangen ist und dieses Thema sexualisierte Deepfakes eben wieder groß geworden ist, da war mir natürlich auch klar, dass da gegebenenfalls auch sexualisierte Deepfakes von mir jetzt gemacht werden. Diese Bilder will ich nicht in meinem Kopf haben. Ich will es nicht. Ich gebe das meinem Team. Die sollen das machen.
Die sollen das anzeigen. Die sollen das löschen. Aber da muss ich mich von Distanz her bewegen. Ich glaube, was wir brauchen in der Demokratie ist, dass wir uns hart streiten können. Wir müssen auch Kritik aushalten. Ich muss auch Kritik aushalten. Was ich aber nicht aushalten muss, ist, wenn ich beleidigt werde, wenn ich bedroht werde, wenn Lügen über mich erzählt werden, also wenn ich mit illegalen Inhalten angegangen werde. Das muss ich nicht aushalten. Das muss ich nicht von links aushalten. Das muss ich nicht von rechts aushalten. Das muss ich nicht von anderen Extremisten aushalten. Das muss in der Demokratie klar sein, dass ich davor geschützt werde.

**Matze Hielscher** (1:29)
Willkommen im Hotel Matze. Mein heutiger Gast ist Anna-Lena von Hodenberg. Sie war Journalistin, bis sie merkte, dass Beobachten ihr nicht mehr reicht. Mit ihrer gemeinnützigen Organisation HateAid unterstützt sie nun Menschen, die im Netz bedroht, beleidigt oder bloßgestellt werden. Wir haben uns in Bochum auf der Bühne vom Gutes Morgen Festival über Deepfakes, Shitstorms und Meinungsfreiheit unterhalten und darüber, warum Hass oft nicht nur verletzen, sondern auch still machen soll. Und am Ende ging es um die einfache Frage, was können wir tun, wenn andere angegriffen werden? Ursprünglich war das Gespräch nur für die Menschen vor Ort gedacht. Ich fand das Thema aber so wichtig und das Gespräch so interessant, dass ich es unbedingt mit euch teilen wollte. Ich wünsche euch viel Vergnügen im Hotel Matze mit Anna-Lena von Hodenberg.
Also stellen wir uns vor, wir treffen uns, also Hotel Matze, das ist ja mein Hotel quasi, und stellen wir uns vor, wir treffen uns irgendwo auf der Welt in einem Hotel, lernen uns da kennen, quatschen so eine Stunde über alles, was uns so bewegt und dann frag ich dich irgendwann mal, was machst du eigentlich so? Was antwortest du in solchen Fällen?

**Anna-Lena von Hodenberg** (2:41)
Ja, meistens sag ich dann, ich bin eigentlich Journalistin, weil ich mich damit irgendwie immer noch identifiziere. Also gelernte Journalistin, habe beim Fernsehen gearbeitet und vor ein paar Jahren habe ich eine Menschenrechtsorganisation gegründet. Und dann sagen die meisten Leute, dann ist das erst mal so abstrakt und wissen irgendwie gar nicht. Und dann fragen die Leute, wie, das ist ja toll. Und dann sag ich ja, und dann, worum geht es denn da? Und Menschenrechtsorganisationen denkt man natürlich irgendwie an Amnesty oder an, keine Ahnung, Brot für die Welt oder so. Und dann sag ich ja, es geht um Gewalt im Internet. Ah, wichtiges Thema, sagen dann die Leute.
Und genau, und dann, ab und zu sage ich dann eben, dass das HateAid ist. Und dann bin ich immer ganz erstaunt, wer es dann kennt.
Und wer es aber auch überhaupt nicht kennt und noch nie davon gehört hat und sagt, Mensch, das ist ja toll. Und es ist ja toll, dass sie sich da so kümmern. Und ja, so wäre dieses Gespräch wahrscheinlich.

**Matze Hielscher** (3:39)
Und warum ist es für dich so ein wichtiges Thema, dass du deinen ursprünglichen Beruf aufgegeben hast und gesagt hast, ich mache was ganz anderes?

**Anna-Lena von Hodenberg** (3:46)
Also das ist tatsächlich etwas, was mich persönlich auch, also was so eine ganz persönliche Motivation hat, weil alle, die jetzt vielleicht Journalistinnen sind und zuhören oder auch die mal versucht haben, Journalistinnen zu werden, wissen, dass es total schwer ist, in diesen Beruf reinzukommen und man sich echt abrackern muss und Volontariat und Studium. Und es ist wirklich riesengroße Konkurrenz. Und also das habe ich auch gemacht. Das war wirklich mein Traumjob. Und das habe ich dann auch wirklich schwer in Herzen aufgegeben. Aber weil ich in dem Moment einfach gesehen habe, ich komme mit dem Journalismus eigentlich für das, was ich machen will, nicht mehr weiter. Ich, es war damals, als wir ja diese Zeit hatten, wo sehr viele Geflüchtete nach Deutschland gekommen sind, wo plötzlich Menschen mit einer rechtsextremen Gesinnung in Landtage in Deutschland eingezogen sind. Und das macht mir immer noch wahnsinnig Angst. Das hat auch nicht aufgehört. Und das hat mir damals einfach sehr viel Angst gemacht. Ich habe gemerkt, dass ich eigentlich da gar nicht mehr mit meinen journalistischen Mitteln, wo ich ja objektiv berichten muss und mich auch selber nicht positionieren darf. Und objektiv berichten ist alles gut. Aber da habe ich gemerkt, ich muss mich eigentlich selber positionieren. Und ich möchte eigentlich auch selber etwas beitragen, was machen.

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