**Wolfram Eilenberger** (0:11)
Herzlich Willkommen. Es ist das wichtigste Sportereignis der Welt. Wenn diesen Sommer die besten Fußballmannschaften in den USA, Mexiko und Kanada um den Titel kämpfen, steht auch die Weltpolitik auf dem Platz. Droht durch Trump eine Instrumentalisierung des Fußballs unter autokratische Zwecke? Oder wird der Fußball ein weiteres Mal das Wunder vollbringen und den Globus in Hoffnung vereinen? Wie politisch wird Trumps WM? Das bespreche ich heute mit der Schweizer Kommentatorenlegende Marcel Reif sowie der in St. Gallen lehrenden Amerikanistin und Staatswissenschaftlerin Claudia Brühwiler. Schön sind Sie da.
Herr Reif, Sie haben in Ihrem Fußballerleben schon fast alles gesehen und bedacht.
Was ist die erste Emotion, die Sie fühlen, wenn Sie an die kommende nahende WM denken?
**Marcel Reif** (1:03)
Wenn du immer dachtest, jetzt haben wir das Gigantische hinter uns, es geht noch gigantischer, man kann es noch größer basteln, man kann 48 Mannschaften einladen, das ist fast schon schwieriger, sich nicht zu qualifizieren, man kann es zwischen Toronto und Guadalajara machen, man kann es noch eine Schraube weiter drehen, aber ich neige zu B, der Fußball wird danach trotzdem weiter gespielt werden und wir werden auch richtig guten Sport sehen.
**Wolfram Eilenberger** (1:37)
Ich höre jetzt zwei Emotionen nicht. Erstmal Vorfreude, Euphorie und die andere Sorge oder Angst. Sie sind da ganz gelassen?
**Marcel Reif** (1:46)
Ach, ich mag nicht dem Trend folgen, die Sache zu sehr aufzublasen. Dafür werden sich schon andere bemühen, ausreichen. Trump zum Beispiel, Infantino, sein Liederpart bei der FIFA. Die Kombination macht mir ein bisschen Sorgen, weil da sehe ich weit und breit niemanden, der sagt, da habt ihr sie noch alle oder können wir das jetzt mal auch mal mit kleinerer Münze haben. Also das wird schon sehr, sehr, sehr, sehr laut werden.
Davon geht die Welt aber noch nicht unter.
**Wolfram Eilenberger** (2:20)
Also die zwei beiden, Trump und Infantino, die schauen wir uns sicher noch näher an im Laufe dieses Gesprächs. Aber sie haben nun schon sehr, sehr viele WMs fast 50 Jahre lang begleitet. Fällt Ihnen denn eine ein, die im Vorfeld nicht politisch problematisch war?
**Marcel Reif** (2:36)
Das Problematisch müsste man dann definieren, wann wird es zu viel oder andersrum. Was ist denn politisch? Das findet ja nicht im luftigen Raum statt. Es findet immer irgendwo statt und irgendjemand findet es von vornherein nicht gut. Und dann hast du ja, Diskurs ist doch Politik, oder? Oder politisch. Das, was jetzt passiert, Trump wird es nicht über sich ergehen lassen, mit veranstalten, mit aufblasen, weil er so ein Fußballfan ist, sondern weil er das als weiteres Mittel sieht zum höheren Ruhme des Donald Trump.
Das ist politisch. Es sind viele andere Dinge, die in Amerika gerade Sorgen machen.
Meine Hoffnung ist überwiegt, dass das Gekicke, der Fußball mit seiner fast archaischen Wucht mittlerweile, dass er sich da doch noch durchschützt.
**Wolfram Eilenberger** (3:39)
Und Frau Brühwiler, Sie sind Staatswissenschaftlerin, Sie sind Amerikanistin, Sie haben auch einen Podcast. Grüezi, Amerika, Views from the Sister Republic.
Wir werden die nächsten drei Wochen sehr oft hören, man solle Politik und Sport tunlichst auseinanderhalten. Wie sinnvoll ist denn dieser Appell aus Ihrer Sicht?
**Claudia Brühwiler** (4:00)
Ich glaube gar nicht, dass der so laut zu hören sein wird, zumal es in vergangenen Spielen immer so war, dass man das Politische gerne schnell verdrängt hat. Wenn wir nach Katar zurückblicken oder auch Russland, dem man diese Krim-Annexion durchaus verziehen hatte zum Zeitpunkt der Spiele, glaube ich nicht, dass das der Fokus sein wird. Zumal auch der Präsident der USA, auch wenn er in diese Sonnenkönigpracht der FIFA-WM passt, auch dem ganzen Spektakel nicht so viel Wichtigkeit beimisst, wie er das könnte, zumal er ja auch sein eigenes Spektakel nebenher organisiert und weiß, dass der Fußball, ja, wohl doch zu interessieren vermag in den USA, aber niemals in der gleichen Dimension wie ein Superbowl.
**Wolfram Eilenberger** (4:48)
Ich finde das interessant, Frau Brühwiler, weil wir wissen eines, dieser Präsident schätzt Aufmerksamkeit. Hat er denn überhaupt begriffen, dass er das größte Aufmerksamkeitsspielzeug des Planeten für fünf Wochen in Händen hält, aus Ihrer Sicht?
**Claudia Brühwiler** (5:02)
Vielleicht des Planeten, aber nicht der USA.
Es ist immer ein Untol. Es ist natürlich nicht mehr das Gleiche wie 1994, als kurz vor Beginn der WM 80 Prozent der Amerikaner nicht wussten, dass da was kommt und was da eigentlich kommt.
**Wolfram Eilenberger** (5:17)
Wie so eine WM mit dem Röhnrad fahren, das hat niemanden groß interessiert.
**Claudia Brühwiler** (5:21)
Und dieses Mal ist es so, dass knapp über 50 Prozent der Meinung sind, das interessiere sie nicht oder noch nicht. Aber die Amerikaner haben auch nicht diesen fast schon religiösen Zugang zum Fußball, wie wir ihn in Kontinentaleuropa oder in Lateinamerika sehen. Man hat grundsätzlich zum Sport, selbst zum Football, selbst zum Baseball eine sehr konsumorientierte Haltung.
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